– Beitrag Johanna Brade –
Am 30. März 1946, vor 80 Jahren, wurde die heute als Akademia Sztuk Pieknych im. Eugeniusza Gepperta (Eugeniusz‑Geppert-Akademie der Bildenden Künste) bezeichnete Staatliche Kunsthochschule in Wrocław gegründet. Es ist ein Anlass, an die Glanzzeit ihrer deutschen Vorgängerin vor 100 Jahren zu erinnern, die damals in denselben Räumen am Kaiserin-Augusta-Platz – heute: plac Polski – residierte. Die Staatliche Akademie für Kunst und Kunstgewerbe in Breslau war in der Zeit der Weimarer Republik ein Ort mit großer Ausstrahlung, weit über Schlesien hinaus.
Es dauerte jedoch lange, bis sie sich zu einer Kunststätte von Rang profiliert hatte. Als 1791 unter Friedrich II. eine Provinzial-Kunstschule in Breslau gegründet wurde, sollte dies lediglich die Wettbewerbsfähigkeit der Handwerker und Gewerbetreibenden fördern. Die Bemühungen des ersten Leiters Carl Daniel (David) Bach (1756–1829) um ein höheres künstlerisches Niveau der Schule blieben weitgehend erfolglos. Auch im 19. Jahrhundert war die Kunstschule trotz vieler Umstrukturierungen und Namensänderungen lediglich eine Ausbildungsstätte von provinzieller Mittelmäßigkeit, sodass künstlerisch ambitionierte Nachwuchstalente in andere Regionen abwanderten.
Erst unter der Direktion des Architekten Hans Poelzig (1869–1936), der die Schule von 1903 bis 1916 leitete, erhielt die mittlerweile unter dem Namen „Königliche Kunst- und Kunstgewerbeschule” geführte Institution den Rang einer Akademie. Poelzig erreichte dies mit einer reformierten Unterrichtsstruktur, bei der die Ausbildung in den Ateliers und Werkstätten Hand in Hand ging und damit bereits Züge der späteren Bauhauslehre vorwegnahm.
Für radikale Veränderungen sorgten allerdings erst die Erschütterungen des Ersten Weltkrieges sowie die darauffolgenden Jahre des Umbruchs und der Neugestaltung. In dieser Zeit setzte der 1918 gewählte Direktor August Endell (1871–1925) einen radikalen Reformkurs durch. Dies stieß durchaus nicht bei allen auf Gegenliebe. „Unser neuer Direktor stellt die ganze Anstalt auf den Kopf, räumt den ganzen Boden, zerschlägt alle Rahmen, schmeisst Antiken und andere Skulpturen heraus„, beschwerte sich beispielsweise der konservative Akademieprofessor Eduard Kaempffer (1859–1926) empört in einem Brief vom 13. Dezember 1918 und berichtete rund ein Jahr später verärgert, dass jetzt „die neuesten Isten Herren“ seien. Damit meinte er vermutlich die Expressionisten Oskar Moll und Otto Mueller, die Endell gleich zu Beginn seiner Tätigkeit
an die Akademie geholt hatte.
Der 1918 berufene Maler Oskar Moll (1875–1947) brachte die Ästhetik der modernen französischen Malerei mit nach Breslau. Gemeinsam mit seiner Frau, der Bildhauerin Marg Moll (1884–1977), hatte er seit 1907/08 dem Kreis um Henri Matisse angehört und verfügte über beste Kenntnisse der französischen Moderne. Mit Otto Mueller zog im Frühjahr 1919 dann der bislang heftig umstrittene deutsche Frühexpressionismus in der Akademie ein. Muellers charismatische Ausstrahlung und seine offen zur Schau getragene Unbürgerlichkeit machten ihn schnell zum umschwärmten Vorbild. Der außerdem seit Oktober 1919 in Breslau wirkende Architekt Adolf Rading (1888–1957) vertrat das sog. Neue Bauen. Er sollte nur wenige Jahre später das altehrwürdige Stadtbild Breslaus drastisch mit Neubauten verändern. Die jüngere Generation reagierte begeistert, aber es gab im eher traditionsbewussten Breslau auch viel Skepsis und Kritik. Es bewirkte nur wenig, dass Endell als Kompromiss 1920 noch eine Malklasse für den schlesischen Maler Konrad von Kardorff (1877–1945) einrichtete, der Max Liebermanns impressionistischer Kunst nahestand. Der gesundheitlich angegriffene Endell gab schließlich auf und kehrte im November 1924 nach Berlin zurück, wo er am 15. April 1925 starb.
Im Oktober 1925 übertrug man die Direktion seinem bisherigen Stellvertreter Oskar Moll. Noch entschiedener als sein Vorgänger setzte er alles daran, die Akademie zum Sammelbecken avantgardistischer Kunsttendenzen zu machen, die sich seit Beginn der 1920er Jahre parallel entwickelten. 1925 engagierte er mit Alexander Kanoldt (1881–1939) und Carlo Mense (1886–1965) zwei Vertreter der Neuen Sachlichkeit, einer Gegenbewegung zum Expressionismus. Außerdem holte er den Berliner Architekten Hans Scharoun (1893–1972) für die Lehre im Fachbereich Architektur an die Akademie. Hoffnung setzte Moll ferner auf den ehemaligen Akademieschüler Robert Bednorz (1882–1973), der das Fach Bildhauerei modernisieren sollte. Selbst im bislang eher konservativ geführten Zeichenlehrerseminar der Akademie sorgte seit 1925 der unkonventionelle Studienrat Paul Holz (1883–1938) mit neuen Ideen für frischen Wind. Breslau profilierte sich dadurch sogar zu einem wichtigen Ort kunstpädagogischer Neuerungen und diente 1930 dem Reichsbund Deutscher Kunsterzieher als Tagungsort.
In der zweiten Hälfte der 1920er Jahre richtete sich Molls Blick vor allem nach Weimar. Von dort holte er das tschechische Künstlerpaar Li Vinecký-Thorn (1867–1952) und Josef Vinecký (1882–1949) aus dem Kreis des Architekten Henry van de Velde für die Leitung der Textil- und Tischlereiwerkstatt nach Breslau. Aus Weimar stammte ebenfalls der progressive Maler und Grafiker Johannes Molzahn (1892–1965), der 1928 die neu eingerichtete Grafikklasse übernahm. Er war vor allem ein herausragender Werbegrafiker und Buchgestalter, brachte aber zugleich auch neue Impulse für die Malerei mit nach Breslau.
Parallel entwickelten sich engere Kontakte zum 1919 in Weimar gegründeten Bauhaus. Schon 1924 hatte sich diese Institution im Breslauer Museum für Kunstgewerbe und Altertümer vorgestellt. Es folgten Ausstellungen und Vorträge, bei denen unter anderem Wassily Kandinsky, Walter Gropius, Paul Klee und Lyonel Feininger mit ihren Ideen und Kunstwerken hervortraten. Ein besonderes Ereignis war Oskar Schlemmers Präsentation seiner Arbeit mit der Bauhausbühne am 24. März 1929 im Breslauer Stadttheater. Er erhielt daraufhin das Angebot, zusammen mit seinem Bruder Carl (Casca, 1883–1966) die neu eingerichtete „Bühnenkunstklasse” mit angeschlossener Werkstatt in Breslau zu übernehmen. Mit der Berufung von Georg Muche (1895–1987) am 1. Oktober 1931 erhielt noch ein weiterer ehemaliger Bauhaus-Lehrer eine Professur. Er lehrte in der Fachklasse für Zeichnen, Malerei und Projektion.
Mit diesem Kollegium war die Breslauer Akademie eine der modernsten Ausbildungsstätten Deutschlands. Neben der Vielfalt an Kunstrichtungen, die hier vertreten waren, wurde vor allem die persönliche Freiheit geschätzt, mit der sich hier alle Kunstschaffenden individuell entwickeln konnten. Es gab keine Bindung an ein bestimmtes Lehrkonzept wie beim Bauhaus.
→ Beitrag weiterlesen im GAL Nr. 75, S. 40 …

