Die Polenbegeisterung in Deutschland

– Beitrag: Jürgen Karwelat –

Ein nahezu unbekanntes Kapitel in der deutsch-polnischen Geschichte ist die in den 1830er und 1840er Jahren weit verbreitete Polenbegeisterung in den deutschen Landen.

Anlass dafür war der 1830/31 gescheiterte polnische „Novemberaufstand” gegen den Zaren. Die Solidarität galt dem polnischen Volk, das die Wiederherstellung ihres Staates anstrebte. Durch die revolutionären Ereignisse in Frankreich und Belgien sahen sich die polnischen demokratischen und nationalen Kräfte gegenüber der Herrschaft des russischen Zaren gestärkt. Eine Gruppe von Verschwörern griff am 29. November 1830 den Belvederepalast in Warschau an, um den Bruder des Zaren, den Vizekönig Konstantin Pawlowitsch Romanow, zu töten. Der Anschlag misslang, der russische Statthalter konnte mit Hilfe russischer Truppen die Stadt verlassen. Allerdings stürmte eine Volksmenge das Warschauer Arsenal und bewaffnete sich. Dies hatte zur Folge, dass sich auch hohe polnische Offiziere in der russischen Armee und führende Politiker an dem Aufstand beteiligten. Am 3. Dezember 1830 wurde eine provisorische Regierung gebildet, dessen Oberbefehlshaber Józef Chłopicki allerdings die Revolutionäre bekämpfte, da er nicht an einen Sieg gegen die russischen Truppen glaubte und eine Verhandlungslösung mit dem russischen Zaren anstrebte. Dieser forderte aber die Unterwerfung der Polen, die daraufhin mit der Erklärung reagierten, die Dynastie der Romanows sei abgesetzt. Damit verwandelte sich der Machtkampf innerhalb des russischen Großreichs zu einem internationalen europäischen Konflikt.

Die Polen beim Hambacher Fest

Bis Anfang September 1831 fand eine Reihe von verlustreichen Schlachten zwischen der russischen Armee und den polnischen Aufständischen statt. Am 7. September kapitulierten die polnischen Truppen in Warschau. Am 5. Oktober flüchtete ein Großteil der polnischen Truppen nach Westen über die preußische Grenze und wurde dort interniert. Ein anderer Teil ging nach Österreich. Insgesamt verließen 50 000 Soldaten und Zivilpersonen das Land. Die meisten kehrten später nach Polen zurück. Dauerhaft emigrierten schätzungsweise 8500 Polen. 5700 zogen nach Frankreich, England und in die Schweiz. Auf ihrem Weg dorthin wurden sie in Sachsen, Thüringen, Franken, Hessen, Bayern und Baden herzlich empfangen. Überall bildeten sich Unterstützungsvereine für die polnischen Emigranten, denn der Polenaufstand wurde als Teil der eigenen und gesamteuropäischen Freiheitsbewegung gesehen. Frauen stellten Verbandsmaterial her. Es wurden Lotterien, Konzerte und Bälle organisiert, um Geld für die Emigranten zu sammeln. Das Hambacher Fest am 27. Mai 1832, die erste deutsche Massenveranstaltung mit demokratisch-liberalem Charakter, war der Höhepunkt der Polenbegeisterung. Eine polnische Delegation war anwesend, ebenso Abgesandte aus Frankreich und England. Beim Umzug trug die Bürgergarde schwarz-rot-goldene Schärpen. Es wurden aber auch Schärpen in den polnischen Farben getragen und eine von deutschen Frauen gestiftete polnische Fahne wurde im Zug mitgeführt.

Die Polenbegeisterung fand auch in der deutschen Kunst und Kultur ihren Niederschlag. Fast alle bedeutenden Dichter der 1830er Jahre haben „Polengedichte” geschrieben. Dazu zählten beispielsweise Adelbert von Chamisso, Emanuel Geibel, Franz Grillparzer, Friedrich Hebbel, Georg Herwegh, Karl von Holtei, Nikolaus Lenau, Gustav Schwab, Karl Simrock, Ludwig Uhland und Karl Heinrich Wilhelm Wackernagel.

Schon 1825 war in Berlin Karl von Holteis Liederspiel „Der alte Feldherr” erfolgreich aufgeführt worden. Holtei hatte das Stück „seinen lieben Freunden in Polen” gewidmet. In diesem Stück brachte er seine Verehrung für den polnischen Freiheitshelden Tadeusz Kościuszko (1746-1817) zum Ausdruck. 1832 entstand das Gedicht „Der letzte Pole”, in dem Holtei von sich selbst am Ende sagt: „Ich bin der letzte Pole, ich” (siehe Heft Nr. 69, S. 40). Es entstanden hunderte, wenn nicht tausend „Polenlieder”, wobei es sich um aus dem Polnischen übernommene Lieder oder deutsche Neuschöpfungen handelte. Noch um 1900 fanden sich in zahlreichen Liedersammlungen diese „Polenlieder” in einer eigenen Rubrik zusammengefasst, so auch in dem 1848 erschienenen „Deutsche(n) Liederbuch” von Hoffmann von Fallersleben. In manchen Liederbüchern wurden die politischen Umstände der Entstehung der Lieder näher beschrieben. So findet sich eine besondere Schilderung der Polenfreundschaft in der Einleitung des „Badischen Liederhorts” von Johann Philipp Glock aus dem Jahr 1910 (zitiert nach Wolfgang Steinitz, Deutsche Volkslieder demokratischen Charakters aus sechs Jahrhunderten, Band I und Band II, Sonderausgabe, April 1982 Zweitausendeins, Band II, S. 30. Band I erschien 1955, Band II im Jahr 1962):

„Aus einer Art kosmopolitischer Sympathie, welche vor allen anderen Völkern uns Deutschen angeboren ist, fanden die slavischen Siegeshymnen zu Ehren Labienkas und zum Gedächtnis der Tausend vor Warschau einen berauschenden Widerhall in den Herzen schlichter deutscher Bürger, weil dieselben in den immer trüber werdenden Zeiten politischen Lebens nach den Freiheitskriegen im eigenen Lager keine Freiheitshelden mehr besaßen. In allen Kreisen unseres Volkes, in Stadt und Land, gehörte damals der Polenkultus zum guten Ton. Wo ein vertriebener Pole auf deutschem Boden sich blicken ließ, wurde er als Märtyrer der Freiheit verehrt und zum Gegenstand der Ovation gemacht. Auch die kleinsten Landstädtchen hatten ihren Polenklub mit besonderem Klublokal, in dem sich die sogen. Honoratioren des Ortes, die Geistlichen und Lehrer nicht ausgeschlossen, allabendlich zusammenfanden. In diesen Polenklubs wurden Polenreden gehalten, Polenhochs ausgebracht, Polenlieder gesungen, aus Polenhumpen getrunken und aus Polenpfeifen tapfer dazu geraucht…”

Polenlieder in aller Munde

Steinitz zitiert in seinem Werk 10 Polenlieder, davon zwei Originaldichtungen von deutschen Dichtern, nämlich Julius Mosen „In Warschau schwuren” und Karl von Holtei „Fordre niemand, mein Schicksal zu hören”. Zwei weitere Lieder sind Um- und Neudichtungen aus dem Polnischen. Ein Lied hat Karl von Holtei einem französischen Lied nachgedichtet und ihm polnische Bezüge gegeben. Weitere Lieder sind anonyme Umdichtungen älterer bekannter Lieder. Steinitz erklärt die Entstehung der „Polenlieder” folgendermaßen: „So rundet sich dieses Bild deutsch-polnischer Beziehungen des Vormärz: deutsche Lieder auf Polen werden polnischen Liedern nachgedichtet und übernehmen deren Melodien; von deutschen Dichtern und Komponisten neu geschaffene und in Deutschland volkstümlich gewordene Lieder werden ihrerseits wieder ins Polnische übernommen” (Wolfgang Steinitz, Deutsche Volkslieder a.a.O. Band II, S. 31).

Nationalheld Tadeusz Kościuszko

Eines der bekanntesten Lieder war das Lied „Denkst du daran, mein tapferer Lagienka” aus dem 1825 uraufgeführten Liederspiel „Der alte Feldherr” von Karl von Holtei, eine Umdichtung eines Liedes des französischen Dichters Emil Debraux, das die Verherrlichung der napoleonischen Armee und deren Feldzüge zum Gegenstand hatte. Holtei löste das Lied aus seinem inhaltlichen Umfeld und widmete das Lied dem polnischen Freiheitskampf gegen Russland. Es handelt sich um ein Zwiegespräch des „alten Feldherrn” Tadeusz Kościuszko mit seinem Soldaten Lagienka.

→ Beitrag weiterlesen im GAL Nr. 76, S. 27 …


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