– Beitrag: Norbert Conrads –
Keinen Geringeren als den renommierten Historiker und Schlesienexperten Prof. Dr. Norbert Conrads lassen wir die Laudatio auf den großen schlesischen Ansichtenzeichner Friedrich Bernhard Werner (1690–1776) halten, die gleichzeitig auch eine Würdigung für Dr. Angelika Marsch (1932–2011) bedeutet. Sie war ein wichtiges Mitglied des VSK (siehe auch Nr. 47, S. 10); ihr sind u.a. die Reisebilder des Pfalzgrafen Ottheinrich (2000) und das 600 Seiten starke Standardwerk über Friedrich Bernhard Werner (2010) zu verdanken, beides erschienen im A. H. Konrad Verlag, Weißenhorn.
„Nur wenige Grafiker des 18. Jh.s haben ein größeres Oeuvre hinterlassen als Friedrich Bernhard Werner, und doch gehörte er bis zum Erscheinen dieses Buches zu den weniger Bekannten, zumindest zu den Unterschätzten seiner Zunft. Angelika Marsch hat die Summe einer jahrzehntelangen Forschung vorgelegt. Anzuzeigen ist ein Buch, das Werner als Vedutenkünstler von europäischer Geltung präsentiert, dessen Produktivität und Rezeption den Vergleich mit seinem Vorläufer Matthäus Merian nicht zu scheuen brauchen.
Werner wurde 1690 in Reichenau, einem Dorf des schlesischen Zisterzienserstiftes Kamenz, geboren. Auf dem Jesuitengymnasium in Neisse war der nachmalige Kamenzer Abt Tobias Stusche sein Mitschüler und Jahre später einer seiner Auftraggeber. Zunächst aber verlegte sich Werner auf ein Wanderleben, das ihn durch halb Europa führte. Er schloss sich dem Militär an, wo er dank familiärer Beziehungen die Protektion eines Offiziers genoss. Dieser ermöglichte ihm eine Ingenieursausbildung, die das militärische Zeichnen mit einschloss. Wie er selbst berichtete, war ihm das Zeichnen von Kindheit an ein Bedürfnis. Werner hatte den Ehrgeiz sich weiterzubilden, wechselte die Dienstverhältnisse und perfektionierte seine Fähigkeiten. Eine Zeitlang schloss er sich dem fahrenden Volk an, betätigte sich als Quacksalber und Schauspieler. Mit dem Theatermilieu verbunden war auch seine Anstellung bei Graf Franz Anton von Sporck, der ihn zum Maschinendirektor seiner Prager Bühne berief. Erst spät erreichte er das Traumland eines jeden wandernden Künstlers: Italien. Für ihn als Katholiken und Augenmenschen bot der päpstliche Hof ein reiches Anschauungsmaterial. Noch mehr schmeichelte ihm die kulturelle Atmosphäre des Florentiner Hofes. Hier empfing ihn Fürst Gian Gastone de’ Medici als Künstler, und ein solcher galt an diesem Hof ebenso viel wie ein Adliger. Welch ein Unterschied zu Deutschland oder gar seiner schlesischen Heimat, wo Werner allenfalls auf Neider und Verleumder traf.
Schon vor der Italienreise von 1730 hatte sich Werner einen Ruf als tüchtiger und unendlich fleißiger Szenograf oder Vedutenzeichner erworben. Seit etwa 1726 reiste er im Auftrag und auf Kosten einiger Augsburger Verleger (Martin Engelbrecht, Jeremias Wolff und Erben, Joseph Friedrich und Johann Christian Leopold, Johann Georg Merz, Martin Gottfried Crophius, Johann Gottfried Böck, Georg Balthasar Probst, Johann Matthäus Steidlin) zu immer neuen Zielen. Für sie fertigte er Skizzen und Ansichten, die nach Augsburg gesandt wurden, um von den dortigen Kupferstechern auf Druckplatten übertragen zu werden. Dabei ist hervorzuheben, dass Werner seine Ansichten fast ausnahmslos aus eigener Anschauung schuf und sich damit von der verbreiteten Gewohnheit des Abkupferns älterer Vorbilder absetzte. In Folgen von Einzelblättern, gelegentlich auch in luxuriösen Bildbänden, erhielten diese Stiche eine weite Verbreitung. Die Popularität der Bilder verlangte nach Komplettierungen und Erweiterungen, sodass Werner nach und nach die wichtigsten Städte und Stätten des Reiches, der Kirche, ja Europas abkonterfeite. Reisen und Zeichnen waren ihm viele Jahre ein Beruf voller Abenteuer und Gefahren.
Das erhaltene Oeuvre lässt sich in Originalvorzeichnungen, Skizzenbücher, illustrierte Handschriften, Einzelstiche und Kupferstichwerke sowie Guckkastenblätter unterteilen. Unter ihnen haben die nicht allzu zahlreich erhaltenen Vorzeichnungen den Reiz des unmittelbaren Eindrucks. Das alles lässt sich nur deshalb vergleichen und würdigen, weil M. mit unermüdlicher Umsicht, kriminalistischem Spürsinn und weitgehend auf eigene Kosten alle ermittelbaren Kunstwerke Werners zusammengetragen und in eine systematische Ordnung gebracht hat, um sie nun in Abbildungen von hervorragender Qualität zu dokumentieren. Das ist weit mehr als Spurensuche und Sammlerglück, sondern eine Forschungsleistung, die höchste Anerkennung verdient. Denn eher beiläufig enthält das Werk Neuentdeckungen oder Neuzuschreibungen, unter denen das „Reiseskizzenbuch” aus dem Landesarchiv Linz hervorzuheben ist, das jetzt als Werk Werners gilt. Einen Schwerpunkt im grafischen Schaffen Werners bildete seine schlesische Heimat, in der er die letzten Lebensjahrzehnte verbrachte und wo er 1776 starb.
Mit 1400 unterschiedlichen Ansichten von 740 Orten ist Schlesien mit seinen Städten, Klöstern, Bethauskirchen und Schlössern in so umfassender Weise festgehalten, wie es keine zweite Provinz für diese Zeit behaupten darf. Dabei bildet die mehrbändige Topografie Schlesiens (Topographia oder Prodromus delineati Silesiae ducatus; die Titel wechseln von Band zu Band) im Umfang von 3000 Seiten eine Leistung für sich, die von Werner selbst in mehreren Fassungen erstellt wurde. Sie war von ihrem Anspruch her nichts weniger als eine historisch-statistische Landesbeschreibung von Schlesien in Bild und Wort.
Geradezu Handbuchcharakter erhält das Werk durch die Darlegung von Art und Geschichte der Bildzyklen, den genauen Einzelnachweis aller Bilder und die Verleger- bzw. Verlagsporträts. So ist weit über den biografischen Ansatz hinaus ein Referenzwerk zur europäischen Topografik des 18. Jh.s entstanden. In ihm sind über 3500 unterschiedliche Ansichten aus zahlreichen Bibliotheken und Archiven verzeichnet, denen neben dem bildlichen Reiz oft genug historischer Quellencharakter zukommt. Zudem wurde es ein herrliches Bilderbuch, für dessen Opulenz auch dem Verleger gedankt sei.
Es bedeutet keine Schmälerung der großen Verdienste der Autorin, wenn einige Beobachtungen und Anregungen anzufügen sind. In diesem Buch stand die Erfassung und Dokumentierung des künstlerischen Werkes Werners im Vordergrund. Das überwältigende Werk lässt aber noch einmal nachhaltiger nach dem Künstler selbst fragen. Ein so abenteuerliches Leben muss mehr Spuren hinterlassen haben, als bisher wiederaufgefunden wurden. Hier bleiben für anschließende Forschungen noch archivalische Optionen offen (…).“
Der Text von Norbert Conrads ist erstmals 2011 in der Zeitschrift für Ostmitteleuropa-Forschung 60/3, S. 466 ff. erschienen.
→ Beitrag lesen im GAL Nr. 76, S. 13 …

