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Welthandel „made in Silesia“ – Die Kaufmannssozietät der Hirschberger Schleierherren (Schlesien heute 9/2010; Die Schleierherren u. ihre Grablegen Teil I)

Es ist sicherlich ein versöhnlicher Aspekt der Geschichte, dass die imposanten Grabkapellen der Hirschberger Schleierherren auf dem Kirchhof der Hirschberger Gnadenkirche nun dank der Unterstützung der „Europäischen Gemeinschaft“ ihrer „Restaurierung und Revitalisierung“ entgegensehen. Schließlich waren es die Schleierherren, die ihrer Heimatstadt den wirtschaftlichen Austausch mit Europa und damit Wohlstand und eine hohe kulturelle Blüte erschlossen. Ihre historischen Hinterlassenschaften und Denkmäler besitzen somit wie kaum ein anderes Kulturerbe in Schlesien eine unmittelbare europäische und sogar weltweite Dimension. Hirschberger Schleier und schlesische Leinwaren waren in aller Welt bekannt und begehrt. Von den behördlich erfassten Leinausfuhren Schlesiens in den Jahren von 1748 bis 1788 gingen über 75 % in die Atlantikanrainerstaaten England, Holland, Frankreich, Spanien, Portugal und von dort aus weiter nach Afrika, „West- und Ostindien“ und in alle Welt. Nach Skandinavien und Russland gingen knapp 1,5 %, in die Schweiz und nach Österreich 2 %, nach Italien wenig mehr als 4 %, nach Polen, Ungarn, Siebenbürgen und die Türkei etwa 8 % sowie ins Deutsche Reich knapp 9 %. Diese Exportstatistik liest sich wie aus der Handelsbilanz eines modernen globalen Unternehmens entnommen! Die Hirschberger Schleierherren haben dieses europa- und sogar weltweite Handelsnetz der schlesischen Textilindustrie an vorderster Stelle mit aufgebaut und nehmen somit in der schlesischen Wirtschaftsgeschichte einen einzigartigen Platz ein. Sie trugen im entscheidenden Maße dazu bei, dem Absatz schlesischer, böhmischer und mährischer Leinwaren einen Markt in ganz Europa und von dort in die spanischen, portugiesischen und englischen „Kolonien“ in Amerika, Afrika und Asien zu erschließen.

Die Schleierherren knüpften ihre Handelskontakte zunächst meist über die großen Handels- und Umschlagsplätze Schlesiens und seiner Nachbarschaft, vor allem während der Messen in Leipzig, Breslau und Frankfurt/Oder sowie bis 1742 auch über Wien und Brünn. Dort trafen sie auch die Kommissionäre der großen Handelshäuser aus den wichtigsten europäischen Hafenstädten, um deren Bestellungen entgegenzunehmen. Wie für viele schlesische Kaufleute war aber auch für die Hirschberger Schleierherren der Hamburger Hafen das große „Tor zur Welt“ und der für sie mit Abstand wichtigste Absatz- und Versandmarkt ihrer Leinwaren: „Leinwand stand am Anfang des 18. Jhs. – und auch später – dem Werte nach an erster Stelle unter den Hamburger Ausfuhrartikeln. Den ersten Platz belegte dabei die schlesische Leinwand.“ (Hansische Geschichts-Blätter 1929). Das schlesisches Leinen wurden einerseits auf dem Landweg, andererseits über Oder, Ost- und Nordsee nach Hamburg – bzw. wegen des hohen Hamburger Stadtzolls seit 1687 auch nach Altona – befördert. Der Haupttransport der Hirschberger Kaufleute in Richtung Leipzig und Hamburg vollzog sich stets auf der „Hohen Landstraße„, der alten via regia, die sie über Greiffenberg/Gryfów Śląski in Lauban/Lubań erreichten.

Die schlesischen Leinwaren wurden „auf Bestellung“ großer Handelshäuser – was die Regel war – oder zuweilen „auf eigene Rechnung“ an die „Correspondenten“ der schlesischen Kaufleute in den Hafenstädten gesandt, um sie dort zu verkaufen oder weiter nach „West-, Ostindien“ oder Afrika zu verschiffen, was oft, aber nicht immer, über die Vermittlung von Handelshäusern, die in deutschen oder holländischen Hafenstädten ansässig waren, geschah. Es stachen aber sogar eigene Handelsschiffe der Hirschberger Kaufherren in See, um den Atlantik zu überqueren! Die Correspondenten in den Hafenstädten, die auch in Spanien, Portugal oder England agierten, stammten nicht selten aus Schlesien. Sie vertraten vor Ort die Geschäftsinteressen der heimischen Handelshäuser und betreuten die Hirschberger Warenlager. Solche Warenspeicher gab es nicht nur in Hamburg, Altona, Bremen und Amsterdam, sondern auch in Cádiz, Lissabon, Livorno, Genua und anderen wichtigen Hafenstädten. Daniel II. Gottlieb von Buchs (1707 -79) betrieb z. B. einen umfangreichen Handel nach Portugal. Beim Erdbeben von Lissabon im Jahre 1755 verlor er den größten Teil seiner dortigen Waren. In der Regel wurden die Waren der Schleierherren bei einem Handelspartner vor Ort gegen eine Provision des späteren Verkaufserlöses eingelagert, mancherorts besaßen sie jedoch auch eigene Magazine.

Es gingen „ungeheure Mengen schlesischer Leinwand“, so der Wirtschaftshistoriker Fechner 1907, sowohl nach Nord- wie nach Südamerika. Doch auch in die anderen europäischen „Kolonien“ in aller Welt war der Export beachtlich. Auf dem „schwarzen Kontinent“ wurden die schlesischen Leinwaren neben den herkömmlichen indischen Baumwollstoffen immer beliebter. Zwischenhändler verwendeten die erworbene schlesische Leinwand oft als Tausch- und Bezahlungsmittel „zum Behuf des Negerhandels“ (Notiz aus den Akten des Gebirgshandelsstands um 1775). Dieser erreichte im 18. Jahrhundert sein größtes Ausmaß. Auch wenn die Schleierherren, anders als ihre Geschäftskollegen aus England, Holland, Portugal, Frankreich, Spanien, Dänemark und zwischen 1685-1721 selbst aus Kurbrandenburg, nicht unmittelbar im Sklavenhandel in Erscheinung traten, so war ihnen die aus Europa finanzierte grausame Sklavenjagd in Afrika natürlich bekannt.

Es waren jedoch meist friedlichere Zwecke, für die ihre ausländischen Handelspartner auf den Messen und in den großen Hafenstädten ihre Bestellungen über Leinprodukte „made in Silesia“ in alle Winkel der Welt aufgaben. Die Qualitätsbezeichnungen „Jauersche“ oder „schlesische Leinwand„, „Hirschberger Schleier“ und „schlesische Bretannies“ (letztere waren „Contrefaits„, also Nachahmungen, bretonischer Ware) fanden Verbreitung über mehrere Kontinente. Diese einzigartige wirtschaftliche Entwicklung Hirschbergs ist umso erstaunlicher, als die Stadt nicht an der großen Ost-West-Handelsmagistrale des Mittelalters, der „via regia„, lag und geschichtlich gesehen nicht in gleicher Weise wie Breslau oder Görlitz von ihren geographischen Gegebenheiten zur Entwicklung einer großen Handelsmetropole begünstigt war. Hirschberg nutze jedoch seine geopoltische günstige Lage als Marktplatz und Vorort am Fuße des Gebirgszugs der Sudeten. Die dort wohnende Berg- und Vorgebirgsbevölkerung war vor allem in den Wintermonaten durch die lang anhaltende Schneedecke gezwungen, sich neben der Landwirtschaft intensiv auf Nebenerwerbsquellen zu verlegen. Diese bestanden aus uralter Tradition heraus vor allem aus dem Flachsspinnen und dem Leinweben. Es ist unstrittig zum großen Teil der Verdienst der Hirschberger Schleierherren, dass sie solche Produkte handwerklichen Fleißes und Vermögens aus den Hütten und Höfen entlang der Sudeten einem Weltmarkt erschlossen. Dies taten sie natürlich nicht, ohne dabei ihr eigenes kaufmännisches Interesse im Auge zu behalten! Von kaufmännischen Gespür und Geschick der schlesischen Leinhändler profitierten über die meiste Zeit aber auch die Weber und Spinner zu beiden Seiten der Sudeten. So vermerkte 1869 der große unabhängige Ökonom und Politiker Bruno Hildebrand (1812-78) über den schlesischen Leinhandel des 18. Jahrhunderts: „… unter den Leinwandkaufleuten war Reichthum und Ueppigkeit, unter den arbeitenden Klassen der Leinwandindustrie ein gewissser Wohlstand wenigstens verbreitet.“ (Teil I)

(Gerhard Schiller)