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Die kunstvollen barocken Grabkapellen der Hirschberger Schleierherren auf dem Gnadenkirchhof in Jelenia Góra/Hirschberg haben aus einem langen kunstgeschichtlichen Entwicklungsgeschichte ihre Anregungen erfahren. Günther Grundmann geht bei der Suche nach historischen Vorbildern für den Hirschberger Kirchhof von zwei Entwicklungssträngen aus. Einerseits von der italienischen „Campo-Santo-Anlage“, andererseits von den bekannten umfriedeten mittelalterlichen Wehrkirch- und Wehrfriedhofsanlagen, wie sie des Öfteren in Dörfern ohne schützende Stadtmauern als Zufluchtsort errichtet wurden. In Schlesien sind hier vor allem die südlich von Kłodzko/Glatz gelegenen Wehrfriedhöfe von Żelazno/Eisersdorf, Szalejów Dolny/Nieder-Schwedeldorf, Stary Wielisław/Altwilmsdorf und Krosnowice/Rengersdorf zu nennen. Bei beiden Entwicklungssträngen sind so genannte „Friedhofsarkaden“, die stets an der Innenseite der Umfriedungsmauer des Kirchhofs entlanglaufen, das entscheidende kunsthistorische Merkmal. Sie bildeten den Ausgangspunkt zur Entwicklung der in Zittau, Görlitz und Hirschberg voneinander abgesonderten Grabkapellen entlang der Innenseite der Umfriedungsmauer des Kirchhofs.

Der „Camposanto Monumentale“ in Pisa

„Campo-Santo“ bedeutet ins Deutsche übertragen „Heiliges Feld“. Dieser Begriff wird kunstgeschichtlich in erster Linie für solche Friedhofsanlagen verwendet, die an der Innenseite ihrer Außenummauerung mit einem offenen Arkadengang geschmückt sind. Der neben dem Pisaner Dom gelegene Campo Santo Monumentale ist das berühmteste architektonische Beispiel einer solchen Anlage. Der Ursprung für seine Bezeichnung lässt sich der Überlieferung nach darauf zurückführen, dass hier im 11. Jahrhundert von einem Kreuzzug mitgebrachte Erde vom Berg Golgatha niedergelegt worden sein soll. Giovanni di Simone begann in den Jahren 1278-83 um dieses rechteckige „Heilige Feld“ den einem überdimensionalen Kreuzgang ähnelnden „Campo Santo Monumentale“ errichten zu lassen. Die Bauarbeiten wurden jedoch erst im 15. Jahrhundert abgeschlossen. Innerhalb der Arkaden entstanden im Laufe der Jahrzehnte prachtvolle Grabdenkmäler. Bei der Anlage des Campo Santo Monumentale hat unverkennbar der arkadengesäumte Kreuzgang der mittelalterlichen Klosteranlage als bauliches Vorbild gedient.

Stadtgottesacker in Halle

Im deutschsprachigen Kulturraum begann man im Zuge der Neuanlage städtischer Friedhöfe außerhalb der Stadtmauern ab Mitte des 16. Jahrhunderts, derartige Campo-Santo-Anlagen nachzuahmen. Den größten Bekanntheitsgrad eines Campo Santo in Deutschland hat ohne Zweifel der ab 1557 im Renaissancestil in einem unregelmäßigen Rechteck angelegte Stadtgottesacker in Halle an der Saale. GRUNDMANN (1916) bezeichnet diesen berühmten Kirchhof als „eine architektonisch überlegte und bewußte Weiterbildung des italienischen Campo-Santo“. Andere Kunsthistoriker sind jedoch der Auffassung, dass der in Deutschland in der Reformationsyeit entstandene Campo Santo eine eigenständige, von italienischen Vorbildern unabhängige Entwicklung ist. An der Innenseite der Friedhofsmauer des Stadtgottesacker in Halle legte man in über dreißigjähriger Bauzeit eine Galerie mit 94 Arkaden an. Unter den Arkaden, die mit fein gearbeiteten Reliefs verziert und kunstvoll geschmiedeten Eisen- oder Holzgittern abgeschlossen wurden, legte man Grüfte für die wohlhabenden Bürger der Stadt an. Auf dem Hallenser Stadtgottesacker sind die einzelnen Arkadensegmente im Innern bereits durch Zwischenwände voneinander abgetrennt. Trotz eines rundum über alle Arkaden hinweg umlaufenden Satteldaches mit einheitlicher Traufhöhe gewann man so im Innern bereits den Eindruck einer räumlich selbständigen Grabkapelle. Es ist sehr wahrscheinlich, dass eine größerer Anzahl der Hirschberger Patrizier den Hallenser Stadtgottesacker mit eigenen Augen bewundert haben und sich von ihm für ihren 1710 angelegten Kirchhof inspirieren ließen, denn nicht wenige Söhne der Hirschberger Patrizier studierten an der zu ihrer Zeit neu gegründeten evangelischen Universität Halle (1694), die neben denen in Leipzig (1409) und Wittenberg (1502) schnell ein großes Renommee errang. So verbrachte der später weithin berühmte Hirschberger Arzt, Autor und „Stadtphysicus”, Adam Christian Thebesius (1686-1732) 1706 einen Studienaufenthalt in Halle. Die Universität Halle wurde um 1700 besonders durch die Rechtsgelehrten Christian Thomasius (1655-1728) und den Philosophen Christian Wolff (1679-1754) zu einem der Ausgangspunkte der deutschen Aufklärung. Der berühmte pietistische Theologe und Professor August Herrmann Francke (1663-1727), der 1698 die bis heute eine lebendige Kultur- und Wissenschaftseinrichtung von europäischem Rang bildenden „Franckeschen Stiftungen” begründete, stand mit Gottfried Steinbrecher, von 1712-32 erster Rektor des Hirschberger Gymnasiums, sowie mit dem Handelsherrn Christian Gottlieb Glafey (1687-1753) und seiner Frau Anna Regina, geb. Baumgarth (1665-1742), in freundschaftlichem Verhältnis und engem Briefkontakt.

Görlitzer Nikolaifriedhof

Als nächste Glied in der Kette der Vorbilder des Hirschberger Gnadenfriedhof ist der Görlitzer Nikolaifriedhof zu nennen. Er wurde vermutlich bereits im 12. Jahrhundert angelegt. 1305 wird er erstmals erwähnt und ist im Laufe der Jahrhunderte mehrmals erweitert worden. Bis zur Eröffnung des unmittelbar anschließenden neuen Städtischen Friedhofs 1847 war er der Hauptbegräbnisplatz von Görlitz. Im Gegensatz zum Hirschberger Gnadenfriedhof ist er also aus einem mittelalterlichen Kern entwachsen. Zu seiner Anlage wurde kein vorbestimmtes ebenes Gelände gewählt, sondern ein von der Nikolaikirche ansteigender Hang genutzt. Die Grabkapellen des Nikolaifriedhofs – hier meist Grufthäuser genannt – verteilen sich aus diesem Grunde nicht nur entlang der äußeren Umfriedungsmauer, sondern stehen zum Teil frei inmitten der Gräber oder sind unmittelbar an die Kirchwand angelehnt. Trotzdem kann man besonders an den entlang der Nordmauer errichteten Kapellen ablesen, dass auch hier von den Campo-Santo-Anlagen Inspirationen empfangen wurden. Der Schritt von der Idee eines umlaufenden Arkadengangs hin zu selbständigen Grabkapellen wurde klar vollzogen. So vereinen z. B. die identischen Grabkapellen Zobel und Hänisch, etwa 1700-1709 entstanden, an der Friedhofsmauer bereits jeweils drei Arkadensegmente zur Gesamtfassade einer einzigen Gruftkapelle.

17 der ehemals mindestens 21 barocken Grabkapellen haben sich auf dem Nikolaifriedhof bis heute erhalten. Das älteste Baudatum eines Grufthauses ist bereits um 1618 zu ermitteln. Die überwiegende Anzahl der Grüfte mit ihren darüber errichteten Kapellen stammt jedoch ähnlich wie auf dem Hirschberger Gnadenkirchhof vom Anfang des 18. Jahrhunderts. Die Epitaphien im Innern der Grabkapellen wurden mit reichen Schmuck- und Skulpturenornamenten versehen – manche in einem solchen Ausmaß, dass sie fast altarähnliche Gestalt annehmen. Die Verstorbenen ließen sich in Görlitz zu ihren Lebzeiten des Öfteren auf Bildern porträtieren und stellten diese nach ihrem Tod in ihren Grufthäusern aus. Im Gegensatz zum Gnadenfriedhof in Hirschberg haben sich auf dem Nikolaifriedhof zahlreiche der wunderbaren, die Portale verschließenden Schmiedegitter erhalten. Ähnlich wie bei den Hirschberger Schleierherren kommt hier eindrucksvoll der immense Repräsentationswillen des Görlitzer Stadtpatriziats und sein Wunsch, auch über seinen Tod hinaus, eine „bella figura“ darzubieten, zum Ausdruck. Görlitz, von Hirschberg aus über Greiffenberg/Gryfów Śląski und Lauban/Lubań schon seit dem Mittelalter auf der via regia schnell zu erreichen, war eine häufige Station der Hirschberger Schleierherren auf ihren Handelsreisen zu den Messen nach Leipzig und Frankfurt am Main. Sie unterhielten zudem zahlreiche familiäre und geschäftliche Verknüpfungen zu ihren Görlitzer Standesgenossen und Handelspartnern. Die Kontakte waren nicht zuletzt dadurch sehr eng, dass die evangelischen Hirschberger in der Repressionszeit der österreichischen Gegenreformation ihre Kinder zu ihren Glaubensbrüdern nach Görlitz, Zittau, Herrnhut und Niederwiesa bei Greiffenberg zur Schule schickten.

Kreuzfriedhof und St.-Petri-und-Pauli-Friedhof in Zittau

Eine vielleicht noch engere Beziehung als nach Görlitz unterhielten die Hirschberger Kaufleute nach Zittau. Zittau hatte sich bis 1730 zum bedeutendsten Handels-, Export- und Bleichereizentrum der Leinindustrie der Oberlausitz und des südlich angrenzenden Böhmens entwickelt – ganz so wie es auch für Hirschberg und sein Umland galt. 1705 war auch in Zittau eine „Kaufmannssocietät“ begründet worden. Sie besaß ein Monopol für den Tuch- und Leinhandel. Besonders berühmt war Zittau damals für sein noch heute in seiner historischen Gestalt von 1602 zu bewunderndes „Alte Gymnasium“. Es wurde bereits 1586 gegründet und hat sich besonders unter dem 1678 beginnenden Rektorat des weithin bekannten Pädagogen und Dichters Christian Weise (1642-1708) zu einer im gesamten evangelischen Mitteleuropa hochgeschätzten modernen Bildungseinrichtung entwickelt. Die Zittauer Patrizier und Kaufleute hatten enge wirtschaftliche wie familiäre Bindungen nach Hirschberg. Zum Beispiel hatte der Pfarrer der Hirschberger Gnadenkirche, Magister Gottlob Adolph, (*1685) – er wurde am 1. August 1745 auf der Kanzel der Hirschberger Gnadenkirche beim Predigen vom Blitz erschlagen – das Zittauer Gymnasium besucht. Der bekannte Hirschberger Stadtchronist David Zeller wurde am 31. Mai 1676 in Oberoderwitz unweit Zittaus geboren (JUNKER 2009). Ihm sind die detailreichsten Schilderungen der Epitaphien, Grabdenkmäler und -kapellen auf dem Hirschberger Gnadenkirchhof zu verdanken. Er besuchte in seiner Jugend 11 Jahre lang das Zittauer Gymnasium und studierte 1697-99 in Halle (JUNKER 2009). Er starb 1738 in Hirschberg. So müssen den Hirschberger Schleierherren neben dem Hallenser Stadtgottesacker auch die prachtvollen Grabkapellen des Zittauer Stadtpatriziats gut bekannt gewesen sein – vielleicht waren sie sogar die unmittelbare Inspiration für ihre Bauten. Der Zittauer Kreuzfriedhof, der den 1654 eingeweihten Wiederaufbau der Kreuzkirche (hier heute das berühmte große Fastentuch) umgibt, beherbergt zahlreiche prächtige barocke Grabkapellen. Sie bieten den reichen Kauf- und Handelsleuten sowie Stadtpatriziern des frühneuzeitlichen Zittaus Ruhestätten, die auch noch heutigen Betrachtern einen Eindruck ihres einstigen Reichtums, Selbstverständnisses und Standesstolzes vermitteln. Die bemerkenswertesten Grabkapellen des Kreuzfriedhofs sind fast zeitgleich mit ihren Hirschberger Ebenbildern in der Zeit von 1710-30 entstanden. Da der Friedhof nicht in der Barockzeit planmäßig angelegt wurde, sondern an seine mittelalterlich vorgegebene Örtlichkeit gebunden war, weist er nicht wie der Hirschberger Gnadenkirchhof eine regelmäßige Rundumanlage barocker Grabkapellen auf.

Der Zittauer St.-Petri-und-Pauli-Friedhof, auch Klosterfriedhof genannt, liegt neben der so genannten „Klosterkirche“ des ehemaligen Franziskanerkonvents. 1543 übergaben die letzten Mönche infolge der Reformation ihren Konvent mit dem Gotteshaus der Stadt. Die kaum genutzte Kirche verfiel daraufhin langsam. Erst nach dem 30-jährigen Krieg wurde sie renoviert und am Petri-und-Paul-Tag 1662 zur zweiten evangelischen Stadtkirche geweiht. Die Flächen des alten Klosterhofs und des Kreuzgangs wurden von etwa 1675 bis Ende des 18. Jahrhunderts von bedeutenden Zittauer Patriziergeschlechtern als Grablege genutzt. Es entstanden in dieser Zeit entlang seiner Umfriedungsmauer knapp 20 bedeutende barocke Grabkapellen mit Familiengrüften. 15 von ihnen haben sich bis auf den heutigen Tag erhalten. Von ihnen stammen mindestens drei noch aus dem 17. Jahrhundert. 10 der erhaltenen 15 Kapellen entstanden vor der ersten des Hirschberger Gnadenkirchhofs aus dem Jahr 1716! GRUNDMANN (1916) konstatiert: „Man kann geradezu von einer Kreuzgangsanlage des 18. Jahrhunderts sprechen.“ Besonders auffallend ist: „Die Häuningsche Gruft von 1704. Sie ist als künstliche Felslandschaft gestaltet, in die verschiedene Tiere, und Pflanzen, Knochen und Tierschädel eingearbeitet sind. Im Schlussstein des Tores das Haupt der Medusa.“ (PIETSCHMANN 2005). In einer 1718 errichteten Gruft verdienen in den Nischenfiguren Lamm und Krone bzw. Schlange und Drachen besondere Aufmerksamkeit. Aus dem Jahr 1723 stammt die Domsche Gruft, die besonders enge Parallelen zu den Hirschberger Kapellen aufweist. – Auffällig auch, wie manche der prunkvollen Eingangsportale der Stadthäuser der Zittauer Kaufleute in der „Inneren Weberstraße“ in ihrer Komposition den Portalen der Hirschberger und Zittauer Grabkapellen ähneln. Zu Lebzeiten wie nach ihrem Tode sollte jeder Passant, ob er nun Stadthaus oder Grabkapelle betrachtete, daran erinnert werden, welch große Familie hier ihre erfolgreiche Geschäfte betrieb bzw. verdientermaßen „einer fröhlichen Auferstehung“ harrte. Sind zwar Gewölbe und Dächer vieler Zittauer Grabkapellen im Gegensatz zu den der Hirschberger schon vor 1945 zerstört gewesen, so präsentiert sich jedoch die Mehrzahl ihrer schmuckreichen Fassaden mit ihren kunstvoll gearbeiteten Schmiedegittern nahezu in alter Pracht.

Auch in den Leineweberstädten Landeshut und Schmiedeberg errichteten die reichen Kaufleute Grabkapellen. Die auf dem Kirchhof der katholischen Schmiedeberger Pfarrkirche St. Maria befindlichen drei barocken Grabkapellen stammen etwa aus dem Zeitraum von 1728-40. Hier ist noch heute eines der originalen wunderbaren Schmiedegitter zu bewundern. Betrachtet man die skizzierten Entwicklungsstränge wird man schnell einsichtig, dass der Willen und Sinn der Erbauer solcher prachtvollen Grabkapellen ganz eindeutig und vordergründig auf die Erhaltung ihres irdischen Nachruhms gerichtet waren, über alle Konfessionsgrenzen und Herrschaftsverhältnisse hinweg – ob in der Toskana, Sachsen, Schlesien oder anderswo. Ihre Grabkapellen sind bis heute über alle alten und neuen Grenzen hinweg eindrucksvolle Beispiele europäischer Kunst- und Kulturgeschichte.

(Gerhard Schiller)