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Die Skulpturenprogramme der Gruftkapellen auf dem Gnadenkirchhof in Hirschberg/Jelenia Góra weisen hauptsächlich biblische Erzählungen und Darstellungen von Tugenden auf. Antike Themen sind – zumindest bei den Gruftkapellen – noch relativ selten. Sie tauchen höchstens als Allegorien, Symbole oder als Element der Architektur, wie am Beispiel der Hermen, auf. Allegorien sind Personifizierungen abstrakter Ideen und Vorstellungen, wie Glück, Frieden, Eintracht oder die Tugenden. Die Darstellungen von Tugenden sind auf dem Friedhof in Form von Skulpturen stark verbreitet.

Die Skulpturenprogramme sind unterschiedlich stark an den Unterbau gebunden. Während einige Skulpturen beinahe „austauschbar“ auf der Attika (Nr. 2, Glafey; Die Abb. 1) stehen, sind manche durch ihre Gestaltung bzw. durch ihre Körperhaltung (Nr. 6, Tietze, Abb. 6) oder durch Wiederholung des Themas in den Reliefs (Nr. 15, Gottfried/Hess; Abb. 8ff.) mit dem Unterbau verbunden. Da viele Skulpturenprogramme durch starke Beschädigungen und Skulpturenverlust heute schwer zu lesen sind, ist es sinnvoll, diese anhand alter Abbildungen einmal vorzustellen.

Die Baumgartengruft (Nr. 9, Abb. 2) wird durch eine einzigartige Blendfassade geschmückt. An den Türpfosten sind Hermen (Abb. 3 u. 4) dargestellt. Als Herme wird in der antiken Kunst ein Pfeilerschaft mit aufgesetztem Kopf u. Schultern genannt. Gesimsfiguren und ein Relief des Jüngsten Gerichts (Abb. 5) zieren den oberen Teil der Gruftkapelle. Links ist die Figur der Be¬ständigkeit (mit der Säule) und daneben die Figurengruppe des mit dem Engel kämpfenden Jakob zu sehen. Rechts befinden sich die Figurendarstellung der Zeit (mit einem Handspiegel) und der junge Tobias mit dem Erzengel Raphael. Zwei kleinere Putten flankieren das Relief.

Der aufwendige Fassadenaufbau der Tietze-Gruft (Nr. 6, Abb. 6) wird durch die Segmentbogenarchivolte über der Tür, die Wappenkartusche und die geschwungene Balustradenattika bis zu der sitzenden Figur des Glaubens hin gesteigert. Einst standen in Augenhöhe zum Betrachter links und rechts der Tür die Figuren der Liebe und der Hoffnung.

Die Gruftkapelle Martens (Nr. 5, Abb. 7), um 1758, wurde von einer figurenreichen Auferstehungsgruppe und Vasen bekrönt. Hier war der auferstandene Christus mit Kreuzesfahne am Grab, umringt von Soldaten, zu sehen.

Freiplastik und Relief bei der Gruftkapelle der Familie Gottfried-Hess (Nr. 15, Abb. 8) stellen die Auferweckung des Lazarus dar (Abb. 9). Hier greift das Reliefprogramm auf die Skulptur über. Neben Jesus sind als Freiplastik die Schwestern von Lazarus, Martha (linke Skulptur; Abb. 10) und Maria von Bethanien (rechte, kniende Skulptur; Abb. 11), dargestellt.

Die biblische Begebenheit sei hier kurz erzählt: Als Jesus von der Krankheit des Lazarus von Bethanien erfährt, reist er zu ihm. Jedoch ist dieser in der Zwischenzeit gestorben und bei der Ankunft Jesu bereits in einer Höhle beigesetzt. Jesus lässt den Stein vom Grab wegwälzen. Auf den Zuruf Jesu „Lazarus, komm heraus!“ verlässt dieser – noch mit den Grabtüchern umwickelt – lebendig das Grab (Joh. 11, 1-45). Das Relief zeigt genau die Szene, als Lazarus im Sarg, umringt von einer Menschenmenge, erwacht.

Bei der Kapelle der Familie Adolph (Nr. 18, Abb. 12) ist der auferstandene Christus umgeben von vier sitzenden oder stehenden Kriegsknechten dargestellt. Sie sind hier in antikisierende Gewänder gekleidet. Die drei zu Christus gewandten Kriegsknechte erleben das Wunder der Auferstehung; der schlafende Soldat dagegen ist von der Szene weggedreht.

In den Ziernischen der Glafey-Gruft (Nr. 2, Abb. 14) befanden sich früher die Figuren der Gerechtigkeit (Abb. 13) und der Klugheit (Abb. 15). Sie hatten die Eleganz und beschwingte Leichtigkeit barocker Parkskulpturen. Über den Verkröpfungen der Eckpilaster sind die Figuren des Glaubens und der Hoffnung noch erhalten. Auf der Konsole über dem Gebälk befindet sich der Tod.

Bei der Mohrenfeld-Gruft (Nr. 8, Abb. 16) war Christus mit Fahne und Strahlenglorie (Abb. 17) dargestellt. Die Kreuzesfahne und die Strahlenglorie symbolisieren Christi Wiederkehr zum jüngsten Ge-richt.

Sieben Großfiguren sind gleichmäßig auf dem Gebälk der Winkler-Gruft (Nr. 4, Abb. 18; nächste Seite) aufgestellt und gliedern die auffällig lange Gruftkapelle. Als Mittelbetonung steht im Zentrum eine Figurengruppe mit Christus und Engeln, links davon die Figur der Sanftmut und rechts die der Beständigkeit (Abb. 19). Die beiden äußeren linken Figuren stellen den Frieden(?) sowie die werktätige Liebe (Abb. 20) dar, und die äußeren rechten Figuren den Glauben (Abb. 21) sowie die Hoffnung (Abb. 18b).

Die Mittelachse wird betont und in ihrer Erscheinung gesteigert durch die Engelputten und Engelsköpfe sowie durch die darunter liegende, von Engeln getragene Doppeltafel mit Muschelrahmung. Die Rokokoformen der Tafel weisen auf die Mitte der 1740er Jahre hin.

Über die Steinmetze der Gruftkapellen und ihren Schmuck kann man keine Angaben machen, höchstens über die Architekten. Bei den wertvolleren Gruftkapellen des Friedhofes kann man davon ausgehen, dass hier sehr erfahrene Architekten beteiligt waren; es kommen Martin Frantz und Caspar Jentsch in Frage.

Der bekannte Kunsthistoriker G. Grundmann hebt hervor, dass der Baumeister der Gnadenkirche vermutlich auch Gruftkapellen entworfen hat, da dies seiner Meinung nach naheliegend sei. Er rechtfertigt seine Theorie durch die Stilvergleiche, indem er auch Frantz`sche Schlossbauten, wie das in Klein-Kotzenau/Chocianów, hinzuzieht. So sind vor allem das Portal der Kapelle 2 (Glafey) von 1716, aber auch die Formensprache der Kapelle 9 (Baumgarten) von 1719 vergleichbar mit den reich gestalteten Schlossportalen von Klein-Kotzenau/Chocianów und Lomnitz/Łomnica. Grundmann weist darauf hin, dass dies nur eine Möglichkeit sei, jedoch kein Beweis. Vor allem bei der Baumgartenkapelle könnte auch Caspar Jentsch, der aus Hirschberg stammende Baumeister, in

(Mika Matthies)