Leinenherstellung und -handel waren die Quelle des Reichtums der Hirschberger Schleierherren. Der lange Prozess vom „Leinsamen zur Leinwand“ bestimmte wie kaum ein anderes Gewerbe über Jahrhunderte hinweg das Leben vieler Schlesier und soll im Folgenden kurz dargestellt werden. Im 18. Jahrhundert wurde in ganz Schlesien Flachs angebaut. Der Hirschberger Stadtchronist Hensel schreibt 1797, es sei „Schlesien eins der vorzüglichsten Länder wo die Flachswirthschaft blühet“. Zentren des Flachsanbaus waren die Fürstentümer Sagan, Jauer, Schweidnitz, Münsterberg und Frankenstein sowie die Gegenden um Goldberg, Neisse, Groß-Wartenberg, Oels und Trebnitz. Der geerntete Flachs wurde von den Flachsbauern selbst oder von den Hofeleuten der herrschaftlichen Güter in aufwändigen Schritten bis zu einer spinnbaren Form hin bearbeitet und dann an die Spinner verkauft. Die Spinnerei konzentrierte sich in Nieder- wie in Oberschlesien einerseits auf das Vorgebirgsland der Sudeten – wie das Hirschberger Tal –, andererseits aber vor allem auf das weite ländliche Gebiet rechts der Oder von Glogau, über Trachenberg, Trebnitz, Militsch bis Oels.

In Schlesien „sponnen” selbst die Soldaten

Das tägliche „Spinnen” bestimmte geradezu den Alltag und das Leben der Schlesier. Noch 1799 unterstreicht Krünitz in seiner berühmten Oeconomischen Encyklopädie die außerordentlich Bedeutung der vorindustriellen Leinenherstellung für Schlesien. „Der Flachsbau und die Leinengarnspinnerey sind durch ganz Schlesien verbreitet, und man findet in einigen Gegenden des Morgens und des Abends von 6 bis 9 Uhr alles, jung und alt, von beyden Geschlechtern, auch selbst das Militär spinnen, da der höchstselige König von Preußen, Friedrich der Zweyte solches letzterm als ein für ihren Stand in Friedenszeiten nicht unschickliches Gewerbe hat anpreisen lassen, ja in mehreren Gegenden findet man, daß die angesehensten Frauenzimmer, wenn solches in Gesellschaft gehet, statt des Gestrickes die Spindel mitnimmt. Fast in ganz Schlesien macht die Spinnerey einen Theil der Dienste aus, die die Unterthanen der Gutsherrschaft leisten müssen, da sie entweder eine bestimmte Zeit spinnen, oder eine gewisse Anzahl Stücke Garn liefern müssen. Auf dem Lande erhält jeder Knecht oder jede Magd als einen Theil des Lohns, entweder gewisse Bunde bereits spinnbaren Flachses, oder, welches das gewöhnlichste ist, ein Stück Land, das bereits mit einer gewissen Quantität Flachs besäet ist…

Das handgetriebene Spinnrad hatte seinen Weg aus dem Orient nach Europa zwar bereits Ende des 12. Jahrhunderts gefunden, doch in Schlesien kam es erst gegen Ende des 18. Jahrhunderts stärker auf. So hieß es zwar 1799: „Außerhalb Schlesien und der Lausitz verwirft man allenthalben die Spindel”, doch für die genannten beiden Länder galt noch immer: „Das Spinnen geschieht in den meisten Gegenden, wenigstens im Allgemeinen auf die älteste Art, nähmlich mit der Spindel.” In England war zu diesem Zeitpunkt dagegen bereits der Siegeszug der mechanischen Spinnmaschinen abgeschlossen – allerdings versponnen diese Baumwoll- und kein Leingarn. Auch im 19. Jahrhundert blieb in Schlesien mancherorts die Handspindel noch in Gebrauch, obwohl sich schon König Friedrich II. – wenn auch wenig erfolgreich – darum bemüht hatte, das Spinnrad in Schlesien populär zu machen. Es herrschte nämlich damals in Schlesien „ein gewisses Vorurtheil” gegenüber dieser Methode. Viele Männer empfanden „das Sitzen hinter dem Rade” – nicht aber das Spinnen mit Spindel, das im Stehen oder sogar Gehen erfolgen konnte – als „unter ihrer Würde”. Neben der Frage der Würde war aber wohl vor allem ein Qualitätsmerkmal für die beharrliche Beibehaltung der Spindel ausschlaggebend: „Das Spindelgarn ist, obgleich von mehreren das Gegentheil behauptet wird, dauerhafter, schöner und egaler, und die daraus verfertigte Leinwand dichter und stärker”.

Vom Spinner zum Garnsammler und vom Garnmarkt zum Weber

Der Spinner verkauften das fertige Garn an so genannte „Garnsammler”, die seit 1759 eine staatliche Gewerbeerlaubnis, „Freyheitszettel“ genannt, vorweisen mussten. Sie konnten es aber auch auf den städtischen Garnmärkten an „Garnhändler“ oder unmittelbar an die Weber selbst verkaufen. Für den Garnbedarf des Hirschberger Tals galten noch 1799 Landeshut und Schmiedeberg als „Hauptörter … die den Garnhandel treiben”. In Schmiedeberg war nach 1784 „Sonnabends Garn- und Leinwandmarkt”. In Landeshut bestand schon lange vor dem 30-jährigen Krieg ein solcher Markt. Noch 1805 gab es hier „einen öffentlichen, sehr frequenten Garn- und Leinwandmarkt”. Das gebleichte oder ungebleichte Leingarn wurde in verschiedenen Feinheitsgraden hergestellt. Das so genannte „Weber- oder Mittelgarn” versorgte die heimischen schlesischen Weber und durfte daher nicht ausgeführt werden. Es war in aller Regel ungebleicht. Alle anderen Garnsorten lieferte man jedoch auch außerhalb Schlesiens z. B. nach Russland, Polen, Sachsen, Preußen und Holland.

Das Verweben der Garne

Das Verweben des Garn geschah auf Handwebstühlen, die in den engen Kammern der Weber aufgestellt waren und ihnen in aller Regel selbst gehörten. Ein großer Webstuhl wurde im Hirschberger Tal als „Gezehe“ bezeichnet. Das „Weben” selbst nannte man „Wirken”. Neben den Vollerwerbswebern übten auch Bauern, besonders während der Wintermonate, die Weberei im Teilerwerb aus. Ehe sich ein Weber aber ans eigentliche Weben machen konnte, musste er langwierige Vorarbeiten erledigen. Dazu gehörten: Spulen des Schussgarns für den Schützen – Spulen und Scheren des Kettgarns – Aufbäumen des Webstuhls – Schlichten des Kettgarns – Einziehen des Kettgarns in Schäfte und Riet. Besaßen die Weber keine eigene Behausung, mussten sie diese als „Häuslinge” anmieten. Der Grüssauer Abt ließ im Weberstädtchen Schömberg (Chełmsko Śląskie) 1707 zwölf identische Holzhäuser, „Die 12 Apostel“ genannt, erbauen. Sie wurden an aus Böhmen stammende Weber verkauft. Heute sind es nur noch elf. Ein etwas entfernteres Haus – Judas genannt – ist abgebrannt. Die Häuser mit ihren Grundstücken wurden allen Erfordernissen des Heimwebens gerecht. Hinter ihnen fließt ein Gebirgsbach, der Wasser für die verschiedene Prozesse der Leinbleiche lieferte. Ein steiler nach Süden geneigter Abhang hinter den Häusern diente als Bleiche. Im nahen Wald konnte Holz zur Pottascheerzeugung gewonnen werden. In einer langen Reihe führen die heute noch bewohnten Häuschen von Ost nach West zum Markplatz, wo die Weber die fertigen „Weben“ in den Garnlauben an die Kaufleuten verkauften.

Die Hauptproducte der schlesischen Leinwandsmanufactur sind einfache oder Hausleinwand, Schleier, Bett- und Tafeldrell, …”, so KRÜNITZ (1799). Stolz bemerkte Statdchronist Hensel 1797: „Daß Hirschberg einer der blühendsten Orte Schlesiens wurde, verdankt es hauptsächlich seinem Handel.” Den mittelalterlichen Hirschberger Tuchhandel mit Wollstoffen schätzt er im Vergleich zum frühneuzeitlichen „Boom“ der Schleierweberei als gering ein: „Desto mehr erhob sich die Schleierweberei, da sie nicht sowohl in der Stadt, zünftig, als auf dem Lande, unzünftig, getrieben wurde, wie noch jetzt geschieht. Von dieser Waare fanden unsere Kaufleute bald guten Absatz, da die hiesigen Bleichen, wegen des guten Wassers, der Waare eine vorzügliche Weiße und Schönheit geben.“ Schleier wurden vor allem in der Hirschberger Vorstadt und der der Gerichtsbarkeit der Stadt unterstehenden Ortschaften, den so genannten Schleierdörfern, hergestellt. 1742 gehörten zu ihnen: Kunnersdorf/Śródmieście (236 Untertanen/245 Schleierweber), Grunau/Jeżów Sudecki (307/279), Straupitz/Strupice (204/128), Schwarzbach/Czarne (96/58), Hartau/Grabarów (70/38) und Södrich/Krogulec (46/25).

Bei der Herstellung von „Schleyergarnen” war ein besonders sorgfältiges Spinnen unerlässlich: „Man spinnt den Faden so egal als nur immer möglich ist, und zwar auf der Spindel, zu einigen Arten runder und dichter, zu andern wieder lockerer.” Auch das anschließende Verweben wollte gelernt sein. 1784 heißt es: „In der Gegend von Hohenelbe müssen sie die feinen Garne, wovon Schleier und feine Leinwände gemacht werden, nach Schlesien verführen, weil die Böhmen sie nicht selbst verarbeiten können.” Es gab vor allem drei Sorten von Schleier: „Man verfertigt von diesen Schleiern drey Arten, nähmlich dichten, der fast so gut, wie der holländische Batist ist, auch mit derselben gleiche Länge und Breite hat; dünnen oder Nonnenschleier, welcher ein sehr dünnes und zartes Gewebe hat; und endlich gemuschten [verzierten] Schleier.” Aus dünnem Schleier stellte man zum Beispiel Kopfverhüllungen für Damen, Halstücher für Herren, Damentaschentücher und nicht selten eben Verschleierungen für Nonnen her. Man konnte die Schleier auch besticken und dann zur vielfältigen Ausstattungszwecken von Kleidungsstücken verwenden. Eine Neuerung waren die „geblümten und gemuschten Schleier”. Sie sind erstmals 1711 von einem Weber namens „Christian Melchior Reimann in Seydorf” „nach französischen und schweitzer Mustern” angefertigt worden. 1793 wurden sie in mehreren Gegenden Schlesiens hergestellt, doch blieb Seydorf für ihre Fertigung berühmt.

Verkauf der Waren vom den Webern an die Schleierherren

Das in Hirschberg erst in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts entwickelte Handwerk des Schleierwebens verlagerte sich bereits ab Mitte der 1620er Jahren immer mehr von der Stadt in die umliegenden Orte, wohin sich viele Stadtweber vor den Kriegsdrangsalen und der Unterdrückung ihres evangelischen Glaubens geflüchtet hatten. Der Handel mit Leinwaren oder Schleiern wurde auf den Dörfern dagegen gänzlich verboten und blieb allein der Hirschberger „Kaufmanns-Societät“ vorbehalten. Die österreichische Regierung hätte es 1679 zwar gern gesehen, wenn alle Weber auf den Dörfern „zünftig“ geworden wären, doch war dies nach Auffassung des Hirschberger Magistrats unmöglich, da viele von ihnen zu arm seien, um „sich in ein Mittel [d. h. Zunft] einzukaufen“. Dem Magistrat ging es jedoch wohl eher darum, die Interessen der Kaufleute als die der Dorfweber zu schützen. Für die Schleierherren war es natürlich günstiger, die Preisverhandlungen mit jedem Weber separat durchführen zu können, als sich zukünftig einer einheitlichen Zunft der Dorfweber gegenüberzusehen. Um zudem einen Schwarzhandel der Weber mit fremden Kaufleuten zu unterbinden, wurden „Schaumeister” oder „Messer” berufen, die die fertigen Leinwaren prüften und mit ihrem Stempel versahen. In Hirschberg war eine solche „Schau“ schon zur Mitte des 17. Jahrhunderts verpflichtend. Ohne Stempel galt der Verkauf der Leinwaren als illegal und wurde sogar mit entehrenden Strafen bedroht. Erst nach Passieren dieser Qualitätskontrolle sowie der Entrichtung der „Schaugebühr“ und des „Stempelgroschens“ durften die Weber ihre Waren zum Markt tragen. In Hirschberg gab es drei Jahrmärkte, die im Mai, August und November stattfanden. Jeweils mittwochs und donnerstags war „Wochen- und Garnmarkt”; der Leinwandhandel war aber nicht an diese Termine gebunden: „Ein besonderer Leinwandmarkt ist hier [in Hirschberg] nicht, sondern die Weber bringen ihre Waare alle Tage in die Häuser der Kaufleute zum Verkauf, jedoch kommen an den Wochen Markttagen die meisten; weil sie da sogleich Gelegenheit haben, von den anwesenden fremden Garnhändlern ihre nöthigen Garne einzukaufen.” Die „Appretur“ und Bleiche übernahmen dann die Schleierherren selbst:„Der Weber bringt seine fertigen Schleyer im rohen Zustand auf den Markt nach Hirschberg. Die weitere Bereitung zum Handelsgut giebt nun der Kaufmann dem Schleyer, den er dem Weber auf dem Schleyermarkt abgekauft hat.

Die prächtigen Geschäftshäuser der Hirschberger Schleierherren wurden durch ihre Hausmarken über den Laubenbögen gekennzeichnet – genau wie nach ihrem Tod die Scheitel der Torbögen zu ihren Grufthäusern auf dem Gnadenkirchhof. „An den Markttagen saßen die Kaufleute in ihren Lauben auf hohen Stühlen hinter Tischen. Dort legte der Weber seine Ware vor, und der Kaufmann prüfte sie schnell.“ Die langjährige Erfahrung der Kaufleute erlaubte es ihnen, Qualität und die verwendete Garnmenge umgehend einzuschätzen. War der Weber mit dem vom Kaufmann angebotenen Preis einverstanden, „zeichnete” er die „Weben“ des Webers mit schwer entfernbarer Kreide, um später die Ware wiederzuerkennen und ihn bei später aufgefundenen Fehlern haftbar machen zu können. Nach Beendigung des Markts lieferte der Weber seine Ware dann im Kantor ab und wurde dafür bezahlt. Nicht wenige Klagen sind überliefert, dass so mancher Kaufmann eine Ware, die ihm gefiel, auch ohne Einverständnis des Webers schnell abzeichnete. Die Ware des Webers wurde damit unverkäuflich, und er war oftmals gezwungen, einen willkürlichen Preis des dreisten Kaufmanns zu akzeptieren.

Es gab eine große Vielfalt von Leinwand- und Schleiersorten in Schlesien: „Jedes Gebiet hatte sich mehr oder weniger auf bestimmte Sorten spezialisiert”, so KÜHNE (1938). Da die Weber im Hirschberger Umland vor allem Schleier webten, kauften die Hirschberger Kaufleute bis in die ersten Jahrzehnte des 18. Jhs. auf den Märkten der Nachbarstädte wie Schmiedeberg oder Landeshut selbst Leinwand auf oder erwarben sie aus den Dörfern direkt von den Webern. Später beauftragten die Schleierherren so genannte „Leinwandsammler” zum Aufkauf. Während das oben skizzierte Verkaufsverfahren für Leinwand üblich war, wurden Schleier vor allem durch so genannte „Mäkler” oder den „Hauskauf”, unmittelbar im Haus des Kaufmannes, veräußert. Mäkler waren vor allem vom Magistrat der Stadt auf Vorschlag der Kaufleute vereidigte Frauen, denen sie mitteilten, welche Schleiersorten sie aufkaufen wollten. Sie wurden auch „Umtrageweiber” genannt. Von ihnen gab es 1716 in Hirschberg etwa 15. Sie kauften den in die Stadt gekommenen Webern im Auftrag der Kaufleute ihre Ware ab. Besonders den Webern waren solche „Mäkler” oft verhasst. Einerseits zeigten sie sich bei den Preisverhandlungen unnachgiebiger als die Kaufleute, andererseits musste ihnen für ihre erzwungene Vermittlung auch noch eine Provision gezahlt werden. Die Kaufleute konnten ihren „Mäklerinnen” dagegen klare Preisvorgaben machen, ohne persönlich mit den Webern in Berührung kommen zu müssen. So fiel es ihnen leichter, über die Armut notleidender Weber hinwegzusehen und einer Bedrängung durch diese in ihren Kaufhäusern aus dem Weg zu gehen. Der Historiker KÜHNE (1938) urteilte über den Kaufmannstyp dieser Zeit: „Die Not des Webers rührte ihn wenig.” Im Vordergrund stand eindeutig der Abschluss eines guten Geschäfts, bei dem aber durchaus beide Parteien nicht immer allen Regeln eines einwandfreien Geschäftsgebarens gehorchten. KÜHNE (1938) fasste diesen Umstand in folgende Worte: „Überhaupt herrschte zwischen Kaufmann und Weber seit den frühesten Zeiten ein gegenseitiges Mißtrauen. Beide hatten Grund dazu.

(Gerhard Schiller)