Der Reichtum der Hirschberger Leinkaufleute war in erster Linie auf ihren Handel mit einem außergewöhnlichen Artikel – dem „Schleier“ zurückzuführen. Von diesem feinen Leingewebe erhielten die „Schleierherren“ sogar ihre Bezeichnung. Was verstand man aber in der Frühen Neuzeit unter einem solchen „Schleier“? Und wo sind die Anfänge des Hirschberger Welthandels mit diesem besonderen Leingewebe zu finden? – Sie führen uns in das Renaissancezeitalter zurück, in eine Zeit des Neuaufbruchs in Europa, der in religiöser, sozialer und wirtschaftlicher Hinsicht die mittelalterliche Ständegesellschaft und Vorbestimmtheit in Frage stellte und der Schöpfungskraft und dem Willen des Einzelnen, des Individuums, ein bisher unbekanntes Maß an Vertrauen und Zuversicht entgegenbrachte. Der große wirtschaftliche Erfolg der Hirschberger Schleierherren wurde in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts durch die Einführung einer in Frankreich und den Niederlanden altbekannten Webtechnik ermöglicht. Mittels ihrer konnte die schlesischen Schleier, Imitationen des französischen Battistes, später als „[i]Estopilles[/i]“ bekannt, hergestellt werden. Schleier waren laut Band 145 von Krünitz` Oekonomisch-technologischer Encyklopädie aus dem Jahr 1827 „ein Zeug von lockerem und leichtem Gewebe aus klarem feinem Garne, durch welches man sehen kann, vielleicht rührt der Name, womit diese Art Zeug benannt wird, daher, weil es ehemals am häufigsten zu Schleiern gebraucht worden, auch zur Einschleierung der Nonnen, in den Nonnenklöstern, und, ausser dem Kopfputz, zu Halstüchern ec.“ hergestellt wurde.

Der Hirschberger Joachim Girnth, Schuhmachergeselle – aber wohl aus einer Weberfamilie stammend –, hatte nach langer Wanderschaft noch vor dem Jahr 1570 die Fertigkeit des Schleier-webends aus Holland mit in seine Heimatstadt zurückgebracht. Zuvor hatte er fünf Jahre bei einem Webermeister in Haarlem, unweit Amsterdams, gelernt und sich, wohl heimlich, kleine Webstuhlmodelle, teils aus Messing, teils aus Holz angefertigt, um das in Schlesien bisher unbekannte Verweben feiner Garne zu Schleierwaren nachzuahmen – nach heutigen Maßstäben also ein klarer Fall von Industriespionage! Girnth konstruierte in seinem Vaterhaus am Markt Nr. 34 (später Nr. 32a), dem späteren „Gottfried Kahlschen –“, dann „Thomannschen Haus“, den ersten schlesischen Schleierwebstuhl für dicke oder dichte Schleier. Dies alles geschah jedoch nicht, wie in der alten Literatur oft zu finden, schon um 1470, sondern einhundert Jahre später, was nicht zuletzt der Wortlaut des königlich-böhmischen Privilegs für die Hirschberger Kaufmannssozietät von 1630 eindeutig unterstützt, wie noch gezeigt wird. Die guten schlesischen Garne eigneten sich hervorragend zur Herstellung des Schleiertuchs, das zunächst vermutlich nach Breslau und Wien verkauft wurde. 1570 erhielt Joachim Girnth das Bürger- und Meisterrecht in Hirschberg, nachdem er zuvor offenbar seine Schleierweberei nur als Nebenerwerb zum Schuhmacherhandwerk ausgeübt hatte. Die Stieff-Enckelin Girnths, Martha Moybanin, war es schließlich, die 1622 oder 1624 in Auftrag eines Breslauer Domherren die ersten dünnen Schleier Hirschbergs „[i]wirkte[/i]“, wie man damals hier für „weben“ sagte. Besagter Breslauer Domherr kurte gerade in Warmbrunn seine Leiden aus und hatte Martha die ihr ungewohnte Webarbeit im Voraus bezahlt. Wahrscheinlich hatte er den dünnen Schleier auf Reisen durch Holland und Frankreich kennen und schätzen gelernt. Das erste Webergebnis Marthas war vielversprechend, wurde aber auf der Bleiche noch ritschig. Stadtchronist Herbst erklärte 1849 „[i]rütschich[/i]“ mit dem Wort „verschoben“, was heißen soll, dass die Webstruktur des Schleiers sich verzog und er dadurch unbrauchbar wurde. Erst nachdem unter Mitwirkung des um 1640 nach Grunau umgezogenen Hirschberger Webers Christoph Schwanitz da neuartige dünnfädige Hirschberger Schleierleinen verbessert und in den Dörfern rund um Hirschberg heimisch gemacht worden war, war sein Weg zum künftigen Weltruhm geebnet. Thebesius berichtet 1789: „[i]Wo bald nur einige Webe davon nach Leipzig auf die Meße gekommen waren, so kamen gleich mehrere Bestellungen als in langer Zeit nicht gearbeitet werden konnte. Nun legten sich statt einzelner Weber nicht nur gantze Familien, sondern halbe und ganze Dorfschaften darauf und lernten die sogenannten schlechten Garne [da sie dünner als die herkömmlichen schlesischen waren!] zu einem höheren Preis als bisher an die Ausländer zum größeren Verdienst der feinsten Spänner zugleich verwebt zu übersenden.[/i]“

Das in Hirschberg gerade erst neu entwickelte Handwerk des Schleierwebens hatte sich auf Grund der Wirren des Dreißigjährigen Kriegs aber bereits ab Mitte der 1620er Jahren immer mehr von der Stadt in die umliegenden Orte verlagert. Hierhin hatten sich viele der Stadtweber vor den Kriegsdrangsalen und auch wegen der Unterdrückung ihres evangelischen Glaubens geflüchtet. Rat und Kaufleute der Stadt Hirschberg baten daher 1630 König Ferdinand von Böhmen (1637-57 Kaiser Ferdinand III.), dass er ihnen bestätige, „[i]dass vor Siebenzig Jahren[/i]“ – also um 1560! – „[i]der Schlajer Handel ainzig und allein bei selbiger Stadt angefangen, und sie ihn daher auch künftig alleinig ausüben dürften.[/i]“ Nach dem Wortlaut des ihnen bewilligten königlichen Freibriefs sollte es „[i]nu und zu ewigen Zeiten niemanden auser den Würklichen und Catholischen Bürgern und Inwohnern zu Hirschberg erlaubt sein, ainiges Schlaiertuch zu verführen und zu verkaufen.[/i]“ Auch sollte keine Schleierware, die nicht in Hirschberg geblaichet, zugerichtet und eingekaufft worden war und der das königliche Zollsiegel der Stadt fehlte, fortan die Grenzen Böhmens und seiner Nebenlande passieren dürfen. Die Schleierherren besaßen damit das alleinige Handelsrecht mit schlesischen und böhmischen Schleierwaren und zudem ein Monopol auf Aufkauf und Appretur, der von den heimischen Webern auf den Hirschberger Markt getragenen Schleier. Das im Dreißigjährigen Krieg vernichtete Privileg von 1630 ließ man sich nach dem Westfälischen Frieden unter hohem Kostenaufwand erneut ausstellen. Doch diese Investition sollte sich lohnen. Der Tatkraft seiner Kaufleute verdankte das im Dreißigjährigen Krieg schwer verheerte Hirschberg, dass es atemberaubend schnell zu einer neuen Blüte fand. Vor allem auf Grund ihres wirtschaftlichen Erfolgs lösten sich viele Kaufleute Hirschbergs bereits 1658 aus der alten Zunft der viel Handwercker und gründeten eine eigene Zunft der Bürger und Handelsleute, die 1675 in „[i]Kauffmanns-Societät[/i]“ umbenannt wurde. Die Schleierherren wachten mit Argusaugen darüber, dass ihnen niemand ihr lukratives Monopolgeschäft zunichtemachte. So erließ der Rat der Stadt Hirschberg 1662 ein Patent, nach dem fortan nur in der Stadt ansässigen Bürger, die einer Zunft angehörten, der Schleierhandel erlaubt war. Im Jahr 1685 verlieh der Hirschberger Stadtrat der Kaufmannssozietät auf ihre Forderung hin schließlich sogar das Privileg, alle Handelsleute zum Beitritt zu ihrer Innung zwingen zu dürfen, wenn sie dies für erforderlich halte. Sie hatte damit ein Monopol auf den gesamten städtischen Handel erlangt.

Der Schleierhandel war zwar die wichtigste Erwerbsquelle der Hirschberger Kaufmannsozietät, doch ließen sie selbstverständlich auch andere günstige Gelegenheiten nicht ungenutzt verstreichen, mit Waren wie Leinwand, Gewürzen, Zucker, Kaffee, Rum, Tabak oder anderen Kolonialprodukten zu handeln. Besonders auf dem Heimweg von Hamburg stellten sie für die Fuhrleute eine attraktive Rückfracht dar. Der Bürgermeister Hirschbergs, Gottfried George Joseph Flade (1640-89), Sohn des Syndikus, dem Rechtsberater der Stadt, zugleich königlicher Hofrichter, und obgleich nicht selbst Kaufmann, doch den Geist des Handels richtig auffassend, unterstützte die Bemühungen der Schleierherren. Er unternahm im Jahr 1676 auf eigene Kosten eine Reise nach Holland. 1682 bereiste er nochmals Holland sowie die spanischen Niederlande, Frankreich und England, um dort die moderne Schleier- und Leinwarenproduktion zu studieren. Das von ihm auf seiner Reise geschaffene Kontaktnetz wurde zur Grundlage für die umfangreichen Handelsbeziehungen der Hirschberger Schleierherren in Westeuropa. Zur Würdigung seiner Verdienste um das Aufblühen der Stadt wurden er und alle seine Nachkommen 1685 unter dem Namen von Ehrenschild in den böhmischen Ritterstand erhoben. Von Ehrenschild muss als Bürgermeister Hirschbergs katholischen Glaubens gewesen sein, denn nach dem Stadtchronisten Hensel bestand der Hirschberger Magistrat von 1637 bis 1742 aus lauter katholischen Gliedern, bis ihn Friedrich II. von Preußen mit lutherischen besetzte. Dies hinderte Flade alias von Ehrenschild aber nicht daran, mit den Aeltesten der wohl bald schon evangelisch geprägten Kaufmanninnung aufs Engste zusammenzuarbeiten. Das Verhältnis von Hirschberger Rat und Kaufmannssozietät scheint in der Regel sehr pragmatisch gewesen zu sein. Dies gilt wohl besonders für die Zeitspanne seit dem Ausgang des 17. Jahrhunderts, als der Schleierhandel blühte und somit der Stadtkasse über alle Konfessionsgrenzen hinweg reiche Einnahmen bescherte. So wurde auch die königlich-böhmische Beschränkung des Schleierhandels auf katholische Hirschberger Kaufleute aus dem Jahr 1630 in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts offenbar bald so stark aufgeweicht, dass Handel und „[i]Kauffmanns-Societät[/i]“ von Evangelischen dominiert wurden: So war Gottfried Baumgart (1626-78) „[i]Kauff- und Handelsmann und der Viel-Handwercker Eltesten[/i]“, Daniel Buchs wurde 1684 zum „[i]Ober-Aeltesten der Kaufmannssozietät[/i]“ ernannt. Am 26. Mai 1705 ließ Kaiser Joseph I. (1705-11) sogar die evangelischen „[i]gebrüder und handelsleuthe zu hirschberg[/i]“, Bernhard und Johann Martin Bonit, unter dem Titel von Mohrenthal in den böhmischen Adelsstand erheben. Als Gründe für seine Entscheidung gab der Kaiser unter anderen ihre „[i]bißhero gepflogene starcke handelsschafft und ins Land eingeführten neuen fabriquen sowie ihr treiben des Wechsel Negotiums[/i]“ (Kreditgeschäfts) an. Durch ihre Geschäfte hätten die Bonits, so der Kaiser, dem „[i]Schlesischen Commercio und unß selbsten, durch Vermehrung unsers Kaysers und Königlichen Zoll Regalis gute Dienste geleistet.[/i]“ Dies verordnete der Kaiser nur drei Wochen nach seiner Kaiserwerdung und noch vor Abschluss der Altranstädter Konvention im Jahr 1707. Auf Grund ihres außerordentlichen geschäftlichen Erfolgs waren also selbst die katholischen Habsburger auf die Hirschberger Schleierherren gut zu sprechen. Bernhard Bonit von Mohrenthal engagierte sich wenig später beim Bau der Gnadenkirche und des ev. Gymnasiums finanziell so stark für seinen Glauben, dass sein Handelshaus Bankrott erlitt und er 1720 in Jauer in Schuldhaft starb. Aus Stolz hatte er Hilfeleistungen von seinen Kaufmannskollegen bis zuletzt abgelehnt.

Bürgermeister Flades überaus erfolgreiche Geschäftsreisen wurden fortan für alle Hirschberger Kaufleute zum leuchtenden Vorbild. In der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts wurden in die Sozietät nur noch Kaufleute aufgenommen, die sechs Jahre gelernt hatten, zwei Jahre Handlungsdiener gewesen und zwei Jahre gereist waren sowie außerdem 2.000 Taler Kaution stellen konnten. Innerhalb Deutschland erreichte der Hirschberger Schleierhandel schnell einen so großen Bekanntheitsgrad, dass sich nach Bericht des Stadtchronisten David Zellers 1738 mehrere deutsche Kaufleute, die zum Theil arm nach Hirschberg gekommen, dauerhaft in der Stadt niederließen, um sich an dem lukrativen Geschäft zu beteiligen. So kam zum Beispiel 1675 Daniel Buchs, Erbherr zu Pätzig (Piaseczno) bei Bad Schönfließ (Trzcińsko-Zdrój), aus der preußischen Neumark nach Schlesien. Es folgten, um dieselbe Zeit, Gottfried Glafey, Sohn eines Großkaufmanns aus Breslau; 1710, Martin Gottfried, Sohn eines wohlhabenden Kaufmanns aus Großenhain/Sachsen; 1735, Joseph Hartmann aus Kempten im Allgäu und 1742, Friedrich Thomann aus derselben Stadt.

Ende des 17. Jhs. begann in und um Hirschberg die Herstellung der „[i]gestreiften und gepünkten Schleier nach französischen und Schweizer-Mustern[/i]“. Ein geschickter Grunauer Weber soll den ersten gelungenen Versuch gemacht haben. Von diesem Zeitpunkt an erreichte die Schleier-Manufactur in Hirschberg einen ungeheuren Aufschwung. Die Hirschberger Schleier wurden zur Qualitätsmarke; und auch „die spätere Variation der Muster änderte in der Hauptgattung der Hirschberger Schleier, die sehr berühmt wurden, nichts ab“. Für Hirschberg begann die ruhmreichste und wohlhabendste Zeit seiner Stadtgeschichte. Besonders von Ende des 17. bis in die Zwanzigerjahre des 18. Jahrhunderts entwickelte sich das Gewerbe prächtig. Die Jahre 1723-25 brachten die größte Blüte des Schleierhandels – eine günstige Gelegenheit für die Schleierherren, 1725 beim Kaiser um die Bestätigung ihrer Innungsartikel anzusuchen. Kaiser Karl VI. (1711-40) ließ sich dergleichen natürlich teuer bezahlen. Es sollte aber viel Mühe, Gebühren, Gaben und Handsalven kosten, bis die Hirschberger Kaufleute schließlich 1738 die kaiserliche Bestätigung erhielten. 1797 nennt der Stadtchronist Hensel die Kaufmannszunft oder Societät unter allen Hirschberge Zünften an erster Stelle. Neben etwa 50 Grossisten zählte sie etwa 84 „Klein- oder Specereihändler“ zu ihren Mitgliedern. Nur ein Grossist mit weißer Waare, einer, der also mit Leinwaren handelte, und in der Stadt selbst, nicht aber in den Vorstädten, wohnte, konnte [i]Ober-Aeltester[/i] dieser außerordentlich noblen Kauffmanns-Societät werden.

(Gerhard Schiller)