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Christian Gottfried (*Hirschberg, 1739; +Schloss Lomnitz, 1807) war seinem berühmten Vater Christian Mentzel noch im Alter von fast 72 Jahren von seiner dritten Ehefrau geboren worden. Schon bald musste er, noch im zarten Kindesalter, ohne väterlichen Rat auskommen. Sein Vater, der weitberühmte Kaufmann und Mäzen, Christian Mentzel starb am 25. Februar 1748. So kam dessen gewaltiges Vermögen – darunter das Gut Lomnitz – an seine Witwe Christiane Elisabeth und seinen gerade einmal neun Jahre zählenden Sohn Christian Gottfried mit seinen Geschwistern. Schon früh sah die hinterbliebene Familie Mentzel vor, dass Christian Gottfried in die Fußstapfen seines großen Vaters treten sollte. Der Hirschberger Kaufmann Beer nahm sich der Erziehung des Knaben und Jugendlichen „mit der größten Wärme“ an. Bereits um das Jahr 1750 wurde der junge Christian Gottfried nicht nur in den üblichen Schulfächern, sondern auch schon in Handelsgeschäften unterwiesen.

Nach Abschluss seiner Schulbildung reiste er durch Deutschland, Holland und England. „Diese Reise war ihm noch in seinen letzten Jahren oft Stoff der Unterhaltungen, das Andenken daran erfüllte ihn immer mit der größten Freude. “ so berichteten später seine beiden erwachsenen Söhne über ihren Vater. Christian Gottfried war auch künstlerisch sehr begabt und führte z. B. selbst die Federzeichnung eines Brustbildes seines Vaters aus. Der Künstler schenkte das fertige Porträt der Gnadenkirche, wo es in der Sakristei aufgehängt wurde. Unter das Porträt setzte er den bezeichnenden Spruch: „Durch Licht und Schatten sucht der Sohn des Vaters Bild zu zeigen O wär ihm einst von seinem Ruhm auch nur der Schatten eigen“. Christian Gottfried bewunderte seinen berühmten und überaus dynamischen Vater. Er selbst war dagegen von ruhiger und überlegter Wesensart, wie seine beiden Söhne bezeugten: „Still war stets sein Wirken, geräuschlos that er, was er that, unbemerkt handelte er. “ – Doch wurde er wie sein Vater ein erfolgreicher Geschäftsmann und Gutsherr.

1756, nur acht Jahre nach dem Tode seines Christian Gottfried Mentzel (1739-1807) Vaters, verließ Christian Gottfried auch seine Mutter für immer. Sie hatte nach dem Tod ihres berühmten Gatten die Geschäfte seiner Handlung weitergeführt. In ihrem am 18. September 1756 veröffentlichten Testament sah sie ausdrücklich vor, dass ihr Sohn Johann Gottfried entweder alleine oder zusammen mit seinem Halbbruder, dem Hirschberger Kaufmann Johann George Sturm, „ihre Handlung“ – das heißt die frühere Christian Mentzels – weiterführen sollte. Sie war „überzeugt, daß ihr Sohn von einem solchen guten Verstande und Wandel sey, daß sie dergleichen Gesuch mit Fug und Recht thun könne. “ Eine gewaltige Herausforderung für den jungen Christian Gottfried.

In Schlesien wurde man zu dieser Zeit jedoch erst mit 21 Jahren volljährig. Deshalb mussten die Mentzels ein Bittschreiben an König Friedrich II. richten, dass Christian Gottfried auf Grund „von seinem guten Verstande und Wandel“ und da er „in dem Commercio geschickt und fleißig“ sei, die Volljährigkeit („venia aetatis“) schon jetzt übertragen werde. Bereits am 8. November 1756 erhielt der junge Spross der Mentzel-Familie mit gerade einmal 17 ½ Jahren das königliche Placet. Auf seinen eigenen Antrag wurde Christian Gottfried Mentzel schließlich im Sommer 1760 in die Kaufmanns-Sozietät aufgenommen. Im selben Jahr heiratete er am 28. Oktober 1760 Johanna Eleonore Prentzel (*Greiffenberg, 1739; +Schloss Lomnitz, 1805). Sie war die Tochter des reichen Greiffenberger Kaufherren Chrysostomus Prentzel. Ihre Söhne bezeugten in ihrem Nachruf für ihre 1805 verstorbene Mutter in den Schlesischen Provinzialblättern ihre innige Zuneigung zu ihr: „Unter der Linde [beim Schloss Lomnitz], in deren Schatten Du zu sitzen pflegtest, wollen wir unsern Töchtern von Deinem Fleiße und Sinne für schöne Häuslichkeit erzählen und ihnen Deinen soliden Geschmack und sittliche Grazie zum Muster aufstellen und jeder Weg im Garten und am Bober, den wir an Deiner Hand gingen, wird in jedem Sommer in unserem Herzen das Bild Deiner mütterlichen Tugenden und Verdienste erneuern, welches in diesem Frühlinge uns überall anspricht. “ Die Ehe von Christian Gottfried und Johanna sollte sehr harmonisch werden und bis zum Tode Johannas beinahe 45 Jahre andauern. Im Jahr 1761 konnten sich die beiden über ihren ersten gemeinsamen Sohn, Christian Mentzel (*Schloss Lomnitz, 1761; +Lomnitz, 1824), freuen. Er sollte nach dem Tod seiner beiden Eltern als letzter der Mentzels noch für vier Jahre die Herrschaft auf dem Gut Lomnitz fortführen und wurde schließlich 1824 in seinem Geburtsort Lomnitz begraben.

Wie schon sein viel bewunderter Vater war Christian Gottfried Mentzel der bedeutendste aller Hirschberger Kaufherren seiner Zeit. Ganz selbstverständlich verkehrte er im Kreis der mächtigsten und bedeutendsten seiner Zeitgenossen. Als Friedrich der Große am 17. August 1766 in Hirschberg weilte, suchte der König eine Unterredung mit ihm sowie den Kaufleuten von Buchs, Thomann und Lichter. Auf Klagen dieser Herren über ihre Geschäftslage erwiderte der preußische König angeblich süffisant, „er wisse recht wohl, ihr Gewinn betrage 12 pro Cent und mehr, aber dieser sei ihnen wohl zu gönnen. “ Wie schon berichtet, interessierte sich Christian Gottfried aber nicht ausschließlich für seine Geschäfte. Auch Kunst, Kalligraphie, Philosophie und vor allem sein tiefer Glauben waren Lebenselixiere für ihn. 1776 gehörte Christian Gottfried Mentzel der 1762 gegründeten Freimauer-Loge „Zu den drei Felsen“ in Schmiedeberg an. Sie war nach der Breslauer die zweitälteste Loge im schlesischen Raum. Der reiche Schleierherr gestaltete sogar das Titelbild für deren Matrikel.

Gutsherr auf Lomnitz

Am 5. Juli 1765 erhielt Christian Gottfried Mentzel den königlichen Lehnbrief für Gut Lomnitz. Über seine Fähigkeiten als Lomnitzer Gutsherr heißt es 1786, dass er „das ganze Guth mit unermüdetem Fleiße ganz umgeschaffen hat, und noch besitzt”. Der reiche Schleierherr ließ auch sein Schloss renovieren und umgab es mit einem stattlichen Park, den er bereits im Jahr 1804 der Öffentlichkeit zugänglich machte. 1786 heißt es über seinen Landsitz Lomnitz: „1 herrschaftliches Schloß, welches ganz nach dem modernsten Geschmack angelegt ist, am Ende des Dorfes gegen den Bober zu stehet, und dem Auge die allerreizendste Aussicht verschaft, so wie der Bober elysische Spaziergänge darbietet. “ Schloss Lomnitz traf schon damals den Geschmack der Zeit, wie auch ein anonymer Schlesienreisender 1806 mitteilte: „Wer übrigens einen englischen Landsitz sehen, und so zweckmäßig als schön, und mit Benutzung jedes Räumchens, überall licht und bequem, bauen lernen will: der – sehe das Lomnitzer Wohnhaus oder Schloß. Die Treppe, welche durch alle Stockwerke führt, ist gleichsam die Spindel, um welche alle Gemächer, sogar die heimlichen und ohne den geringsten üblen Geruch (wegen Vorrichtung durch Zugröhren), sich wie eine Schraubenmutter herumwinden. Und welch ein Keller! Das ist eine Wohnung, kein Sousterrain. Und die Gärten; und das nahe Gebirg; und die Aussicht aus der Billardstube. Hier will ich ewig wohnen: denn es gefällt mir wohl – sang ich aus jenem alten Liede, und Herr Menzel wird mir verzeihen, daß ich ihn so aus seiner Behausung vor dem ganzen Publikum vertreibe.

Christian Gottfried sorgte sich auf seinem Gut zudem um die Förderung und Entwicklung der Textilindustrie. Lomnitz besaß 1786: „1 Bleiche, 1 Wassermangel, 1 Koffehaus, 4 Manufakturgebäude von beträchtlicher Größe, die der noch lebende Besitzer [Christian Gottfried Mentzel] seit 9 Jahren [1777] erbaut hat, und worinn, dicker, weißer und rother Schleier, auch Mousselin, Leinwand, Kattun ec. mit lebendigen Farben gedruckt wird. ; viel Einwohner in Lomniz aber gewinnen durch diesen neuen Nahrungszweig, als Handarbeiter, ihr Brodt ”. Wie man sieht, hatte für Christian Gottfried Mentzel neben seinen Handelsgeschäften die Verwaltung und der Ausbau seines Gutes Lomnitz eine herausragende Bedeutung.

Trotz einer wohl zu Recht als moderat bezeichneten Handhabung der Mentzelschen Gutsherrschaft in Lomnitz gab es doch auch hier zwischen dem Gutsherren und seinen Untertanen nicht selten Unstimmigkeiten und Reibereien. 1798 ist ein Prozess bezeugt, in dem Lomnitzer Untertanen ihren Gutsherren anklagten, selbst bei denjenigen Familien, die nur ein Kind hätten, dieses gesetzwidrig zum Hofedienst gezwungen zu haben. Der Prozess ging lange Zeit hin und her. Das endgültige Urteil ist leider nicht überliefert. Obgleich sich das Leben der beiden Parteien in unmittelbarer Nachbarschaft zueinander abspielte, waren ihre privaten Lebenswelten strikt voneinander abgeschirmt. Während sich nicht wenige der Untertanen oft genug nur um den bloßen Nahrungserwerb abmühten, führten die wohlhabenden Gutsherren in aller Regel ein angenehmes Leben, in dem neben dem Betreiben der Wirtschaft besonders seit Ausgang des 18. Jahrhunderts auch Bildung, Reisen, Kunst, Unterhaltung und gegenseitige Besuche eine immer größere Rolle spielten. Nicht selten wurde dieses idyllisch anmutende Leben aber dadurch gestört, dass die Gutsbesitzer auf Grund ihrer hohen Steuerbelastung zur Finanzierung der zahlreichen, im Schlesien des 18. Jahrhunderts wütenden Kriege hoch verschuldet waren. Oft genug waren aber sowohl Gutsherr als auch seine Untertanten für ein Verständnis der Probleme der jeweiligen anderen Partei wenig empfänglich. Im 18. Jahrhundert nahm der überwiegende Teil der schlesischen Landbevölkerung das allgemeine Gefälle der sozialen Unterschiede meist als gottgegeben und gottgewollt duldsam hin. Mehr oder weniger widerwillig erfüllte man seine herrschaftlichen Abgaben und Dienstverpflichtungen, bis diese vom Jahr 1821 ab in einem langsamen und für die Bauern kostspieligen Prozess abgelöst wurden.

Am 10. November 1803 überließ Christian Gottfried Mentzel seinem ältesten Sohn Christian Gut Lomnitz für 127.500 Reichstaler. Doch erst am 5. Januar 1805 erfolgte die offizielle Belehnung. Nach dem Tod seiner beiden Eltern 1805 und 1807 verkaufte Christian am 7. November 1809 Gut Lomnitz an seine Ehefrau Friederike, geb. Hasenclever. Dies wohl schon in Vorbereitung ihrer Scheidung, die nur knapp fünf Monate später erfolgte. Offenbar lebte Friederike Mentzel noch bis 1811 auf Schloss Lomnitz, als sie das Gut schließlich veräußerte. Die Geschichte der reichen Hirschberger Schleierherren Mentzel und ihrer Familie auf Schloss Lomnitz hatte nach dessen Ankauf am 15. April 1738 nach 71 Jahren – der Zeit eines Menschenalters – ein Ende gefunden.

Der Tod seiner Frau Johanna Eleonore im Jahre 1805 hatte Christian Gottfried gebrochen zurückgelassen. Seine Söhne bemerkten: „Am meisten beugte ihn der Verlust seiner vor zwei Jahren ihm vorangegangenen Gattin, die ihm alles gewesen war. “ Im Oktober 1806 befiel ihn ein Leiden, „das ihm unsägliche Schmerzen verursachte“. Er starb „nach mehrwöchiger Krankheit (Windkolik) am 27. Januar 1807“ im Alter von 67 Jahren. Seine Söhne Christian und George schrieben in seinen Nachruf: „Sein Ende glich seinem Leben: still und geräuschlos lebte er, still und ohne Kampf entschlummerte er.“ Am 31. Januar erfolgte die Übertragung seines Leichnams auf den Hirschberger Gnadenfriedhof, wo er in der Mentzelschen Grabkapelle an der Seite seiner Eltern seine letzte Ruhe fand.

(Gerhard Schiller)