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Es war der Hirschberger Bürgermeister Gottfried George Joseph Flade, der wohl als erster seiner Stadt lange Geschäfts- und Bildungsreisen nach Mittel- und Westeuropa unternahm, um durch den gewonnenen Wissenstransfer die Wirtschaft seiner Heimat voranzubringen. Er reiste 1676 und 1682 auf eigene Kosten nach Holland, England und Frankreich, um dort den Absatz der schlesischen Schleier- und Leinwaren zu stärken. Flades Beispiel machte Schule – fortan wurde es für die wohlhabenden Hirschberger Kaufleute zur goldenen Regel, während ihrer Lehrzeit zumindest einige Monate im Ausland, besonders in England und Holland, zu verbringen. Dort ließen sie sich bei Geschäftsfreunden ausbilden, knüpften Kontakte mit Vertretern von Staat und Wirtschaft, lernten Fremdsprachen und nicht zuletzt die „Merckwürdigkeiten“ von Land und Leuten kennen. Heute wie damals galt also beim gehobenen Bürgertum „Auslandserfahrung“ als eine der Hauptqualifikationen für ein erfolgreiches Berufsleben.

Ein Sohn des reichen Schleierherren Gottfried Schneider (1690-1762), der wie sein Vater im Grufthaus Nr. 3 auf dem Hirschberger Gnadenkirchhof bestattet wurde, hat seine Reiseerlebnisse schriftlich festgehalten. Sein bisher nicht veröffentlichtes Reisetagebuch befindet sich in Auszügen bei Herrn Frieder Bauer in Heilbronn. Seine Frau Inge ist eine vierfache Urenkelin des besagten Christian Gottfried Schneiders (*Hirschberg, 11.3.1730; +ebd., 30.7.1761). Freundlicherweise haben die Bauers mir dieses kulturgeschichtlich außerordentlich interessante Dokument im Rahmen unseres EU-Projekts zur Restaurierung der Grabkapellen auf dem Hirschberger Gnadenkirchhof zur Verfügung gestellt. Der Reisbericht wirft ein einzigartiges Schlaglicht auf die Lebensweise, Bekanntschaften, Geschäftsbeziehungen und Vergnügungen eines Hirschberger Schleierherren aus der Mitte des 18. Jhs. Er gibt Einsichten, die aus anderen Quellen kaum zu gewinnen wären. Folgen wir also Christian Gottfried Schneiders Spuren.

Zusammen mit Freunden und Familienmitgliedern machte sich der 25-jährige Christian an einem Sommertag von Hirschberg auf den Weg nach Zittau [76 km]: „Mit Gott, Monat August 1755. Am 18 ten: Dieser Tag ist es, an welchem ich meine vorhabende Reise … in Gottes Namen angetreten habe; wir langten abends umb 9 Uhr in Zittau glücklich an; der Höchste begleite mich mit seinem Schutz und Schirm ferner, damit ich die lieben Meinigen dermahleinsten wiederumb fröhlich und gesund antreffen möge.“ Der Abschied von seinen Lieben wurde noch etwas hinausgezögert: „Von Zittau machten wir eine Lustreise nach Oybin und ritten weiter nach Herrenhut.“ Dort musste Christian jedoch endgültig „den letzten Abschied beweglichst“ nehmen und allein weiter nach Bautzen reiten, wo er um 7 Uhr abends ankam. Man muss sich verdeutlichen, dass zu dieser Zeit ein solch gewaltiges Reisevorhaben durchaus einen Abschied für immer bedeuten konnte. Die Transportmittel waren gefährlich und vor allem lauerten überall ansteckende Krankheiten und nicht selten Wegelagerer. Auch Briefe nach Hause waren wochenlang unterwegs, wenn sie nicht ganz verlorengingen.

Am Nächsten Morgen [19.8.] ritt Christian nach Dresden, das er nach einem Ritt von etwa 54 Kilometern um 7 Uhr abends erreichte. Nach einer erholsamen Nachtruhe besah er sich einige Tage lang das schöne Elbflorenz [20.-24.8.], u. a. „das grüne Gewölbe, das Zeughaus und einige Kirchen“, auch hörte er „die Predigt in der Frauen Kirche“ und besuchte den „Brühlischen Garten“ und „das Japanische Palais in der Neustadt“. Weiter führte ihn der Weg [25.8.] über Meißen zum „Lust- und Jagdschloss“ Hubertusburg [ca. 65 km], das er spät abends erreichte, dort sein Nachlager nahm und Schloss und Park am nächsten Morgen [26.8] ausgiebig besichtigte, um sich dann aber sogleich nach Leipzig aufzumachen [ca. 40 km]. Dort angekommen, berichtet er: „Hier traf ich einige Landsleute aus Hirschberg, die mich nachmittags mit in das Kollegium des Herrn Professor Winkler … führten; dann aber trunk ich den Coffe bey Madam Zehin die mich in ihrer Karosse um die Stadt fahren ließ. Abends ließ sie mich in ihrer Senffte nach Hause bringen.“ Die Messestadt Leipzig war für die Schleierherren gewissermaßen das Tor zur Welt, wohin man sich nicht selten zu Geschäften aufmachte, sich hervorragend auskannte und wo man immer Handelsbeauftragte unterhielt.

Am nächsten Tag [27.8] verkaufte Christian seinen Schimmel für „35 Louis d’or“, wobei ihn der Abschied von seinem geschätzten Pferd „sehr beweglich“ stimmte. In der „fahrenden Post“ ging es weiter nach Halle [ca. 36 km]. Hier ging er in die „Comoedie“ und traf den „Feldprediger und Obersten“ von Manstein. Über Magdeburg [ca. 98 km] und Stendal [ca. 60 km] führte ihn die Reise nach Lüneburg [ca. 143 km] und Hamburg [ca. 50 km], wo es heißt: „… hier besuchte ich die Börse und spielte abends bei Herrn L. L’hombre und war extra lustig.“ „L’Hombre“ oder auch „Lomber“ war ein damals weit verbreitetes Kartenspiel für drei Personen, aus dem der Skat gewisse Elemente entlieh. Von Hamburg, dem wichtigsten Ausfuhrhafen für schlesische Schleierwaren, machte er einen Ausflug in die alte Hansehauptstadt Lübeck, besah sich dort die wunderschöne Marienkirche aus rotem Backstein und fuhr mit einem Boot auf der Ostsee zum einem Leuchtturm. Von dort ging es zurück nach Hamburg und über Bremen und Oldenburg nach Emden. Ein Segelschiff setzte ihn von dort in einer fünfstündigen Fahrt über den Dollart ins niederländische Delfzijl über.

Dort angekommen, ging es gleich mir der „Extrapost“ nach Groningen und von dort weiter in Richtung Lemmer, einem Hafenstädtchen an der Zuider Zee: „Aber in der Dunkelheit verfehlete der Fuhrmann den Weg und warf uns in einen Canal, da wir den halben Leib im Wasser stunden.“ In einem nahem Bauernhaus finden die Verunglückten schließlich Hilfe, trockenen ihre Sachen und verbringen eine schlaflose Nacht: „Doch waren unsere Kleider völlig verdorben, mein Coffre war halb voll Wasser, doch gottlob meine guten Kleider unbeschädigt, wiewohl die Wäsche viel gelitten hatte.“ Der Bauer fuhr sie am nächsten Morgen nach Lemmer, wo sie sich „bei sehr hoher See“ nach Amsterdam einschifften, was Christian „bey der Nacht ziemlich spanisch vorkam“. Nach 22 Stunden Überfahrt wurde Amsterdam jedoch glücklich erreicht. Hier ließ sich Christian treiben und sah unter anderem „einen großen Kerl von 8 ½ Fuss“, ein „Rhinozeros“ und ein Wachsfigurenkabinett, „wo in einem Zimmer an verschiedenen Tischen lauter gemachte Menschen sassen, die so natürlich waren, dass ich solche auch wenn [ich] nahe dabey war, absolut davor halten musste.“ In der alten reformierten Kirche erlebt er mit, wie der Prediger Domine François auf der Kanzel „mit einem Carabinerschuss blessiert worden“. Es gab einen Tumult, doch konnte der Täter gefasst werden. Christian hielt sich nicht sehr lange in Holland auf, sicher auch deshalb, da dieses in seinen drei Kriegen mit England im 17. Jh. erheblich an wirtschaftlicher Bedeutung eingebüßt hatte. Über Haarlem, Leiden und Den Haag – eine für Christian „unvergleichliche Stadt“ – ging es nach Helvothuis, „von wo wir an Bord eines Paquetbootes mit 8 Kanonen gingen und bey favorablem Ostwind glücklich in Harwich in England ankamen“. Um 6 Uhr morgens landeten sie dort wohlbehalten an und „gelangten auf sehr lustigem Wege abends um 7 Uhr nach London“. Dort entschied Christian: „Ich blieb den Tag in meiner Logis, um das Aufsehen zu vermeyden und liess meine Kleider und Hüte nach engelländischer Manier einrichten.“ In den nächsten Tagen begab er sich meist zur Börse, um dort Geschäftskollegen kennen zu lernen und zu handeln. Außerdem sah er eine Tragödie und besuchte „die grosse Lotterie“. Die Abende widmete er meist dem Kartenspiel. Am „Lordmairefest“ erhielt Christian einen Platz „in der Loge des Kämmerers“ und „wurde magnifique bewirtet und nachher in seiner Karosse nach Hause gebracht.“ Der „Lord Mayor“, der Bürgermeister von London, wird noch heute jedes Jahr Ende September oder Anfang Oktober neu gewählt. Einen Tag nach der Amtsübernahme wird die beliebte „Parade Lord Mayor’s Show“ durchgeführt, wobei der Lord Mayor in die City of Westminster reist, um dem Monarchen Treue zu schwören. Mit dem Platz in der Loge des Kämmerers von London wurde dem Hirschberger Kaufmann sicher eine große Ehre erwiesen.

Die frohen und ereignisreichen Tage in London fanden ein jähes Ende, denn Christian empfing „die betrübte Nachricht von der Zerstörung Lissabons durch das Erdbeben.“ Eine auf die gewaltige Erschütterung vom 1.11.1755 folgende riesige Flutwelle riss zehntausende Menschen in den Tod. „Das Beben von Lissabon löste im geistigen Europa des 18. Jahrhunderts eine heftige Diskussion über die Gerechtigkeit Gottes und die Vernünftigkeit der Welt aus.“, so die Akademie der Wissenschaften In Heidelberg. Christian erhielt zudem einen Brief, der ihn „nötigte, einen Besuch zu machen“ und in einigen Monaten seine Abreise nach Lissabon – ein wichtiger Ausfuhrhafen für Schleier und Leinen nach Brasilien und Afrika – vorzubereiten. In London lernte er aber noch „einen türkischen Kaufmann aus Konstantinopel kennen, bei dem er Thee trank“ und hielt sich of in der „Assemble“ – vermutlich eine Versammlung von Stadtrat und Volksvertretern – auf, wo man ihm nach eigenem Bezeugen „viele Höflichkeit“ erwies. Am Silvesterabend 1755 ging Christian „umb 11 Uhr nach Hause“ und dankte still für sich „Gott für das in diesem Jahr empfangene viele Gute“.

Vom folgenden Neujahrsabend berichtet er: „Abends aber war ich in einer grossen Gesellschaft, wo ich mich durch inständiges Bitten bewegen ließ, deutsche Lieder und Arien so laut als möglich zu singen, welches bey denen Ladys viel Applaus fand!!“ Zu weiteren Höhepunktenn gehörten seine Einladung zum überaus reichen „Bischof von Londonderry“ – er „verlor an ihn ein Pfund im Wistspiel!“ – und sogar ein Besuch im Königspalast: „Am Sonntag fuhr ich in der Kutsche des Kämmerers nach Hofe und wurde in die königlichen Zimmer eingelassen und sahe den König, die königl. Familie, die Minister und den preußischen Gesandten.“ Wichtig war aber auch das tägliche Sprachtraining: „Mit meinem neuen Sprachmeister, übte ich täglich mich in der englischen Sprache.

Am 24. März 1756 verließ der junge schlesische Kaufmann nach einem guten halben Jahr mit einem neuen Reisekameraden „ziemlich betrübt“ das ihm teuer gewordene London. Er wusste, dass es vermutlich keine Wiederkehr geben würde. In Falmouth in Cornwall bestiegen die beiden „bei starkem Sturm“ ein Schiff – Christian wurde seekrank. Sie „sahen viele Schiffe, mussten aber solche aus Furcht vor den Frantzosen meistens umfahren“. Preußen und Großbritannien waren nach der Konvention von Westminster vom 16. Januar 1756 Verbündete, während Frankreich und England im „Siebenjährigen Krieg in Nordamerika“ erbittert um die Vorherrschaft auf dem neuen Kontinent kämpften. Nach 17 Tagen lief ihr Schiff am 9. April im Hafen von Lissabon ein. „Mit blutendem Hertzen“ wurde er in der „vom Erdbeben zerstörten und abgebrannten Stadt“ herumgeführt. Er sah „auch viele tote Köpfe und Gebeine von erschlagenen Menschen“, auch erlebten sie mehrere Erdstösse, weshalb Mahlzeiten und Kartenspiel bisweilen ins Freie verlegt wurden. Auch hier durfte er den König sehen, bevor es nach dreimonatigem Aufenthalt weiterging: „Am 17ten Juny packte ich Coffre und Felleisen [lederne Rucksäcke] und nahm Abschied.“ Er reiste über Land zur spanischen Grenzfestung Badajoz, „wo die Coffre peinlichst visitiert wurden“. War Portugal politisch eher auf England hin orientiert, so herrschte in Spanien wie in Frankreich ein bourbonisches Königshaus, das den preußischen Staatsbürger sicher misstrauisch beäugte. In Sevilla reichte die Zeit zur Besichtigung der Kathedrale, dann ging es über „Xeres de Frontera“ (Jerez de la Frontera) nach „Cadix“ (Cadiz), wo er „den schwedischen Consul“ besuchte und sich vermutlich von Ende Juni bis Mitte September aufhielt, da von hier aus Schleier und Leinen in alle spanischen Kolonien verschifft wurden. Auch „exertzierte [er] viel in der englischen und spanischen Sprache“.

Mit seinen „Bedienten und 6 Pferden“ nahm er schließlich Abschied – schoss unterwegs einen Adler – und erreichte die britische Exklave Gibraltar, wo er „mit den englischen Offizieren entsetzlich viel Punsch trank“. Zur Weiterreise erhielt er wegen zahlreicher „Truppentransporte“ keine Pferde und musste auf Maultieren weiterreiten. Inzwischen hatte auch Friedrich II. am 29. August 1756 mit seiner Invasion in Sachsen den Kriegsschauplatz betreten. In Málaga kaufte er „eine schöne Reiseflinte und par curiosité ein paar Strumpfbänder“. Am 11. Oktober erreichte er mit seinen Mauleseln „endlich“ Madrid, von wo aus er auch den „Eskurial“ besuchte und den spanischen König sehen durfte. Nach nur kurzem Aufenthalt erreichte er am 29. Oktober Valladolid. Auf dem Weg nach Bilbao und San Sebastián rutschte eines seiner Maultieren in einen Bach, so dass sein „Coffre und der Fortmanteau wohl eine Viertelstunde im Wasser lagen“. Die Grenze zu Frankreich konnte „er unter vielen Umständen“ schließlich passieren. Über Bayonne und Bordeaux, wo er den preußischen Konsul traf, reiste er nach Orléans und Paris, das er am 5. Dezember 1756 erreichte, etwa sechs Wochen nach seinem Aufbruch aus Madrid. Den französischen König Louis XV. sah er „nur aus der Ferne“. Am 26. Dezember ging es „in vollem Galopp“ über Châlons, Verdun und Metz nach Saarbrücken, das von einem französischen Regiment besetzt war. Jederzeit konnte sich die politische Situation zwischen Preußen und Frankreich weiter verschlechtern. Christian „wechselte täglich 8 bis 12 mal die Pferde“. Über „Lautern“, Mannheim und Darmstadt erreichte er Frankfurt, wo er den „preussischen Residenten“ aufsuchte. Schließlich ging es von dort aus über „Cassel“, Eschwege, Mühlhausen, Langensalza und Merseburg zurück ins altbekannte Leipzig, wo er am 12. Januar 1757 glücklich anlangte und seine weite Rundreise durch Europa beschloss, gerade rechtzeitig bevor der Regensburger Reichstag am 17. Januar 1757 die „Reichsexekution“ gegen Preußen verhängte.

(Gerhard Schiller)