Die „Schleierherren der ersten Generation“, zu denen man alle vor 1700 geborenen Kaufleute rechnen kann, treten als „Repräsentanten eines stolzen, in sich gefestigten, barocken Bürgertums entgegen, das in ernster protestantischer Religiosität, auf einer gesicherten wirtschaftlichen Grundlage, in großen Verhältnissen, aber ohne übertriebenen Prunk, lebte“ (KÜHNE 1938). „Im Stil des österreichischen Barocks entstanden stattliche Handelshäuser mit prachtvollen Fassaden und 75 Laubenbögen rund um den Ring. In den von mächtigen Pfeilern getragenen Steinlauben ging der lebhafte Handel vor sich. In den Häusern entstanden prächtige Treppenhäuser und Höfe mit Bogengängen. Wände und Hausinneres wurden mit Steinmetzarbeiten, Stuck und Gemälden verziert. Vor den Stadttoren legten sich die Kaufleute kleine Gartenlauben in prachtvollen Gärten an. An den Bleichen entstanden Sommerhäuser. In den umliegenden Dörfern, von deren Einwohnern die Schleierherren ihre Handelsware bezogen, hatten sie ihre Rittergüter und Adelssitze.“ (HÖHNE 1953). Doch war auch die Freigiebigkeit der Schleierherren berühmt. Sie ermöglichten von 1709-18 den Bau der prunkvollen Gnadenkirche, gründeten und unterhielten Schulen und neue evangelische Pfarrstellen, gaben Studenten Stipendien, Armen Almosen und engagierten sich mit offenem Verstand und Herzen in ihren Gemeinwesen.

Den Übergang Schlesiens von Österreich an Preußen konnten die Schleierherren ohne größere Einbußen in ihren Handelsbilanzen kompensieren. Die Gewinnmargen der schlesischen Leinhändler waren Friedrich II. gut bekannt, so dass er als neuer Herr Schlesiens diese Kaufleute gern unter seinen königlichen Schutz nahm. Mancher sieht im Profit des Leinwarenhandels sogar ein Motiv des jungen preußischen Königs für seinen Einfall nach Schlesien: „Die einträgliche schlesische Textilwirtschaft, deren Ausfuhren auch damals schon jährlich über 5 Millionen Taler einbrachten, dürfte für die preußische Eroberung (1740-1742) der bislang österreichischen Provinz einiges Gewicht gehabt haben.“ (FECHNER 1907). Im nun preußischen Schlesien wurde für die Schleierherren zwar einerseits der Nachschub und Handel von Garnen und Leinwaren aus Böhmen und Mähren über die neue Grenze auf dem Kamm der Sudeten durch Zölle und Abgaben erschwert, andererseits wurden Weg und Warentransport zu den Leipziger Messen und zum Hamburger Hafen sowie auch der Einkauf der vor allem aus Ostpreußen und dem Baltikum stammenden Leinsamen in Frankfurt/Oder erleichtert – die Oderstadt verteidigte ihr Niederlagerecht für Leinsamen zäh bis 1810. Die neue religiöse Toleranz unter Preußen verschaffte den Schleierherren zudem eine seelische Erleichterung, die neue Kräfte freisetzte, und auch die von Friedrich II. sofort nach der Eroberung Schlesiens in Angriff genommenen Maßnahmen zur Verbesserung der schlesischen Leinindustrie zeigten im Ganzen durchaus Erfolge. Sie fruchteten jedoch nicht immer. So mussten sich die Kaufleute von Hirschberg, Landeshut und Schmiedeberg 1742 auf Anordnung Friedrichs II. mehr oder weniger freiwillig unter dem Namen Gebirgs-Handelsstand zu einer regionalen Sozietät zusammenfinden. Auch Greiffenberger, Löwenberger und 1744 Glatzer Kaufleute mussten sich anschließen. Da den selbstbewussten schlesischen Kaufleuten die staatliche Bevormundung in dieser Vereinigung aber nicht behagte, kamen sie seit den 1760er Jahren immer seltener zu Treffen zusammen.
Die „zweite Generation der Schleierherren“, die Leben und Wirtschaft Hirschbergs um die Mitte des 18. Jahrhunderts bestimmte, zeichnete bereits „ein freierer aufgeklärterer Geist“ aus. Die barocke Kultur Österreichs mischte sich mit „norddeutscher, brandenburg-preußischer Geistigkeit“ (KÜHNE 1938). Sie zeigten großes Interesse für Wissenschaft und Kunst, in denen sie sich auch selbst durchaus erfolgreich versuchten. Ihrer Generation ist die Schaffung vieler der prunkvollen Grabkapellen mit ihren heute leider nicht mehr vor Ort vorhandenen kunstvollen Barock- und Rokokogittern zu verdanken. Ein typischer Vertreter der zweiten Generation der Schleierherren war Daniel II. Gottlieb Buchs (1707 -79). Neben seinen Geschäften widmete er sich den Naturwissenschaften. Er legte eine Sammlung von Pflanzen und Mineralien an, die er von seinen ausgedehnten Wanderungen mitbrachte. Bei den Mentzels verschoben sich aufgrund des langen und erfüllten Lebens von Christian Mentzel (1667-1748) – der noch zudem einer der allerersten erfolgreichen Schleierherren war – die Generationen. Während sein ältester überlebender Sohn, Christian Benjamin, 1694 geboren wurde und sogar noch mit zur ersten Generation der Schleierherren gezählt werden kann, erblickte sein jüngster, das Erwachsenenalter erreichende Sohn, Christian Gottfried, 45 Jahre später, das Licht der Welt. Sein Vater Christian zählte damals beinahe 72 Jahre!
Friedrich II. muss das barocke Gepräge, welches sich viele wohlhabende Niederschlesier – ganz gleich ob katholischen oder evangelischen Glaubens – angeeignet hatten, erheblich erzürnt haben. So veröffentlichte der sparsame preußische König noch in seinem Feldlager beim böhmischen Chudim am 4. Mai 1742, das Edikt: Wie es wegen Der Trauer In Nieder-Schlesien gehalten werden soll. Dies scheint für den jungen Friedrich II. eine überaus dringliche Angelegenheit gewesen zu sein. Erließ er doch dieses Edikt bereits einen Monat vor Abschluss des Breslauer Präliminarfriedens am 11. Juni 1742 mittels dessen Friedrich ja eigentlich erst zum Landesherrn Schlesiens wurde. Unter Punkt 10 dieses Trauer-Reglements verbot Friedrich II. allen niederschlesischen Untertanen kategorisch, bei Todesfällen in ihren Familien ihre Diener, Wohnungen, Möbel und Kutschen mit schwarzen Tuch auszustatten. Dies war damals vielerorts in Niederschlesien unter Betreibung großen Aufwands und hoher Kosten üblich. Sogar sein strenger Vater, König Friedrich Wilhelm I., hatte bei Erlass eines ähnlichen Edikts im Jahre 1720 für Preußen diese Sitte beim Tode engster Angehöriger noch ausnahmsweise erlaubt. Friedrich II. strich in seinem Edikt für Niederschlesien diese Ausnahmeregelung ersatzlos und erließ ein striktes Verbot der schwarzen Trauerverhüllung für jeden, er sey weß Standes oder Würden er wolle, ohne Ausnahme. Zuwiderhandlung war ab sofort bei königlicher Ungnade und willkührlichen Strafe verbothen, und es sollte ohne Ausnahme dafür eine Strafe von Hundert bis Tausend Thaler unnachläßig entrichten werden. Dabei behielt sich der König sogar noch ausdrücklich vor, diese Strafe seinem Ermessen nach beliebig erhöhen zu dürfen, wenn er dies für angemessen halte! Dieses harsche Verbot zielte seinem Wortlaut nach eindeutig auf die vermögende Schicht seiner neuen schlesischen Untertanen ab – wie z. B. eben auf die Schleierherren. Deren Grabkapellen lernte Friedrich II. jedoch vermutlich später, anlässlich seiner ersten Übernachtung in Hirschberg am 12. August 1743, kennen. Der Hirschberger Stadtchronist Herbst formulierte 1849 sehr vorsichtig, dass es ja allgemein bekannt sei, dass die Gruftkapellen des Gnadenkirchhofs ein sprechendes Zeugniß von dem Wohlstande unserer Vorfahren ablegen und selbst Friedrich dem Großen einen Ausdruck der Verwunderung abnö-thigten. Gedenkt man des Edikts von 1742 ist „Verwunderung“ sicher eine sehr milde Beschreibung für das damalige Empfinden des Preußenkönigs. Wenn diesen auch der barocke Totenkult der Schleierherren und der wohlhabenden niederschlesischen Oberschicht spürbar befremdete, so schätzte er aber andererseits ihr kaufmännisches Geschick hoch ein und würdigte ihre unstrittigen Verdienste um die wirtschaftliche und kulturelle Entwicklung ihrer Heimat.
Die „dritte Generation der Schleierherren“ wurde um die 1750er und 1760er geboren; „ihr Lebensstil war der eines verfeinerten Rokoko“ (KÜHNE 1938). Die politischen, sozialen und wirtschaftlichen Umwälzungen am Ende des 18. Jahrhunderts wie z. B. die Französische Revolution, die Industrialisierung in Großbritannien und die Unabhängigkeit der Vereinigten Staaten, die den Ausgang der erstarrten politischen Ordnung und des überholten vorindustriellen Wirtschaftssystems des ancien régimes ankündigten, beeinflussten ihr Denken und ihren Lebensstil jedoch nur am Rande – was sich als folgenschwer erweisen sollte. So war es in erster Linier die englische Konkurrenz, die mit ihren neuartigen Spinn- und Webmaschinen – welche zudem vor allem die viel leichter und preiswerter zu gewinnende Baumwollfaser verarbeiteten – neue technische und wirtschaftliche Maßstäbe setzte und damit der glanzvollen Epoche der Hirschberger Schleierherren und der vorindustriellen Leinindustrie Schlesiens gleich zu Beginn des 19. Jahrhunderts ein recht jähes Ende bereitete. Der endgültige Niedergang der vorindustriellen schlesischen Leinmanufaktur sollte schließlich durch die von Napoleon zur Niederringung des englischen Kriegsgegners erhobene Kontinentalsperre von 1806-14 besiegelt werden. In den Spei-chern am Hamburger Hafen stapelten sich Leinwand und Schleier aus Schlesien, die nicht mehr weiter nach England und von dort in seine Kolonien in aller Welt verschifft werden konnten. Doch auch nach Napoleons endgültiger Niederringung in Waterloo 1815 zeigte sich die schlesische Leinindustrie der englischen Konkurrenz nicht mehr gewachsen. Wie eine ältere historische Darstellung in theatralischem Ton befand, stand England nun „triumphierend auf den Trümmern des schlesischen Wohlstandes“ (FECHNER 1907). Weite Teile der schlesischen Bevölkerung stürzten in größte Armut, von der am eindrucksvollsten die Weberunruhen aus dem Jahre 1844 zeugen. Von ihren häufigen Aufenthalten im Hirschberger Tal war den preußischen Königen Friedrich Wilhelm III. (1797-1840) und IV. (1840-61) die Not der schlesischen Weber in der ersten Hälfte des 19. Jahr-hunderts gut bekannt, so dass Friedrich Wilhelm IV. die 1839 vom geheimen Staatsminister Christian von Rother (*1778; +1849) in Erdmannsdorf projektierte Flachsgarn-Maschinen-Spinnerei und Weberei zu einem staatlichen Musterbetrieb der Preußischen Seehandlungs-Societät ausbauen ließ, um auf diese Weise die industrielle Revolution ins Land zu tragen. Tatsächlich fanden zahlreiche Notleidende hier Brot und Unterkommen. Mit der nun verstärkt einsetzenden Industrialisierung sollte die schlesische Leinindustrie zu einer neuen und vorerst letzten Blüte finden: Denn schließlich verdrängte die maschinell besser zu verarbeitende Baumwollfaser die Leinfaser fast weltweit aus der Textilbranche. Eine Ironie der Geschichte innerhalb dieses Verdrängungsprozesses ist dabei, dass gerade von den schlesischen Leinstoffen, Patilles, oder Bocadilles, auch sonst jauersche Leinen genannt, … viele für die Negersclaven zu Hemden verbraucht wurden, wie Schedel noch 1814 vermerkt. Die schwarzen Sklaven auf den amerikanischen Baumwollplantagen trugen so – ausgerechnet in schlesische Leinhemden gekleidet – nicht unerheblich zum Niedergang der vorindustriellen Leinindustrie Schlesiens und zum bis heute fortdauernden Siegeszug King Cotton´s bei. Die 150-jährigen Blüte des Hirschberger Schleierhandels war zu dieser Zeit bereits unwiederbringlich zu Ende gegangen, doch bleiben uns die im Auftrag der Schleierherren geschaffenen Kunst- und Baudenkmäler, ihre Schriften, ihre aufregende Geschichte und das Bewusstsein, über alle Grenzen von Ländern, Sprachen und Religionen hinweg Außergewöhnliches und Großes leisten zu können. (Teil III)

(Gerhard Schiller)