Der Hirschberger Gnadenkirchhof hat sich in einen würdigen Ort der Besinnung und des Gedenkens zurückverwandelt

von Dr.Gerhard Schiller

Noch in diesem Monat wird das im Jahr 2010 begonnene deutsch-polnische Projekt der „Restaurierung der barocken Grufthäuser in Jelenia Góra als Beitrag zum Schutz des europäischen Kulturerbes“ abgeschlossen werden. Lead-Partner des Projekts war die Stadt Jelenia Góra, unterstützt wurde sie vom Verein zur Pflege Schlesischer Kunst und Kultur (VSK) als Projektpartner. 85 % der etwa zwei Millionen Euro Projektkosten steuerte die Europäische Union aus dem Europäischen Fonds für regionale Entwicklung im Rahmen des Operationellen Programm der grenzübergreifenden Zusammenarbeit Sachsen – Polen 2007-2013 bei. 15 % stammten aus dem Budget der Stadt Jelenia Góra. Mit dem Abschluss der Instandsetzung der 18 barocken Grufthäuser der Hirschberger Kaufmannschaft der Schleierherren sowie der Restaurierung der entlang der Friedhofsmauer erhaltenen Epitaphien ist ein weiterer wichtiger Schritt getan, das erhaltene Kulturerbe der Stadt zu sichern und zu bewahren und mit seiner Hilfe allen Besuchern Jelenia Góras ein überaus interessantes Kapitel der Stadtgeschichte zu erschließen. Einige weitere historische Epitaphien und Elemente sepulkraler Kunst aus Niederschlesien – die meisten vom nicht mehr vorhandenen Hirschberger Heilig-Geist-Friedhof – wurden ebenfalls auf den Gnadenfriedhof gebracht, um hier einen angemessenen und würdigen Platz zu erhalten. Besonders das 18. Jahrhundert, aus dem die meisten Denkmäler des Gnadenfriedhofs stammen, hat der Stadt am Fuße des Riesengebirges und ihrem Umland mit seiner vorindustriellen Leinen- und Schleierherstellung eine außerordentliche wirtschaftliche Blüte gebracht. Die engen Beziehungen zu den europäischen Handelsstädten ermöglichten Hirschberg Kontakte in alle Welt. Der ehemalige evangelische Gnadenfriedhof der Stadt Hirschberg bietet mit seinen alten Inschriften, Monumenten und Lebensgeschichten der hier zur Ruhe Gebetteten einen einzigartigen Anknüpfungspunkt an die Geschichte Hirschbergs und des Hirschberger Tals, über welche sich in vielen Museen, Archiven und Bibliotheken erfreulicher Weise bis heute eine reiche Überlieferung erhalten hat. Am 26. November 2013 wird zum Abschluss des Projekts im Hirschberger Regionalbildungs- und Informationszentrum der Riesengebirgsbibliothek (Jeleniogórskie Centrum Informacji i Edukacji Regionalnej Książnica Karkonoska) in der ul. Bankowej 27 in Jelenia Góra eine deutsch-polnische Konferenz stattfinden, bei der vorab in zwei Vorträgen über die kultur- und kunsthistorische Bedeutung des Gnadenfriedhofs informiert wird, um dann seine kunstvollen Monumente vor Ort selbst in Augenschein zu nehmen. Dort wird zudem ein kleiner digitaler Infokiosk aufgestellt werden, der dauerhaft über die Geschichte des Friedhofs und der hier Ruhenden informiert. Im Grufthaus Nr. 15 wird vermutlich schon ab November die schöne Nachbildung des einstigen barocken schmiedeeisernen Portalgitters zu sehen sein, die der Nachfahre der Kaufmannsfamilie Gottfried-Hess und Eigentümer des Schlosshotels Wernersdorf/Pakoszów, Dr. Hagen-Georg Hartmann, unter Beteiligung des VSK gestiftet und vor Ort hat schmieden lassen – zugleich ein Kunstwerk zeitgenössischer regionaler Handwerkskunst. Der Keim zur Entstehung des Gnadenfriedhofs liegt in der Kaiser Joseph I. von König Karl XII. von Schweden 1707 abgetrotzten Altranstädter Konvention. Die evangelischen Hirschberger erhielten die Erlaubnis, in ihrer Stadt eine eigene „Gnadenkirche“, ein ev. Gymnasium und einen eigenen Friedhof zu errichten. Am 16. Januar 1710 wurde auf dem neuen evangelischen Gottesacker zum Kreuz Christi der erste Leichnam begraben. Die Verstorbene war Anna Maria Köhler, Gattin des Arztes, Dr. George Gottlieb Köhler von Mohrenfeld (Grufthaus Nr. 8). Der neue Gnadenfriedhof wurde in seiner Anlage von vornherein als parkähnliche Umrahmung auf die in der Mitte entstehende Gnadenkirche hin ausgerichtet. Es sollte nicht nur ein bloßer Begräbnisplatz, sondern im barocken Sinne auch ein friedvoller Ort der Trauer, Ruhe und Besinnung entstehen. Hier konnte der Vergänglichkeit alles Irdischen und der Verheißung des ewigen Lebens gedacht werden. Etwa von 1715 bis 1775 entstanden entlang der Friedhofsmauer die prachtvollen Grufthäuser der Hirschberger Kaufmannschaft, die die Gnadenkirche malerisch umrahmen. Kunsthistoriker Günther Grundmann beschrieb die Anlage wie folgt: „Wenn man die durch die Wege erreichte Aufteilung in Gräberfelder betrachtet, so erkennt man unschwer den Gedanken, strahlenförmig von den Hauptausgängen der Kirche aus den Blick über den Gottesacker führen zu wollen. … Alle diese Wege münden auf den Umgang, an dem die Grabkapellen liegen …“ Der Gnadenkirchhof in Hirschberg hat wegen seiner einzigartigen parkähnlichen Anlage von seiner Entstehung im Jahr 1710 an bis heute stets auch viele auswärtige Besucher angezogen. Die Gäste Hirschbergs versäumten es nicht, neben den anderen zahlreichen Sehenswürdigkeiten der Stadt auch dem Gnadenfriedhof mit seinen kostbaren Grufthäusern und Grabmälern einen Besuch abzustatten. Flanierende Spaziergänger prägten so seit eh und je neben den an den Gräbern ihrer Lieben trauernden und gedenkenden Hirschbergern das tägliche Erscheinungsbild dieses Friedhofs. Hirschberger wie auswärtige Besucher genossen die geruhsame, inspirierende Atmosphäre. Die Grufthäuser der Schleierherren entlang der Umfriedungsmauer umrahmen das schöne Bild von Gnadenkirche und den von Bäumen gesäumten Wegen. Die Grufthäuser und die entlang der Friedhofsmauer und an den Kirchwänden erhaltenen Epitaphien bezeugen bis heute, dass es sich bei dieser schönen Anlage, die noch heute an einen Park erinnert und auch so genutzt wird, eigentlich um einen Friedhof handelt. Nach Abschluss der Sanierungsmaßnahmen hat der Gnadenfriedhof nun seine alte Würde wiedergefunden. Grufthaus 1 (Glogner); vollendet 1725 Das Kuppeldach ist mit einer sechseckigen Laterne – ein Anklang an die Gnadenkirche „en miniature“ – bekrönt.

Grufthaus 2 (Glafey – Schäffer); vollendet 1717 Das Dach krönt eine sechseckige Laterne. Über dem Dachgesims befinden sich die Skulpturen des Glaubens (l.) und der Hoffnung (r.), in deren Mitte die Grauen einflößende Figur des Gevatter Tods, der mit seinen knochigen Füßen auf zwei schreienden Säuglingen steht. Grufthaus 3 (Schneider); vollendet um 1763 Die einfache Architektur der Fassade trägt klassische Züge und antikisierende Muster. Über dem Portal befindet sich ein so genanntes Triglyphenfries, das bereits an dorischen Tempeln zu finden ist.

Grufthaus 4 (Winckler – Frantz); vollendet um 1742-45 An den Seiten des Portals zeigen zwei Reliefs aus ihren Leichentüchern auferstehende Tote. Da es kein Giebelfeld gibt, werden die über dem Dachsims stehenden Skulpturen ins Auge des Betrachters gerückt. Erhöht im Zentrum befindet sich Christus als Überwinder des Todes, ehemals flankiert von zwei Putten, links von ihm die personifizierte Sanftmut oder Barmherzigkeit, rechts die Beständigkeit. Die äußerste linke Figur stellt wohl den Frieden dar, neben ihr die werktätige Liebe. Die heute äußerste rechte Figur symbolisiert den Glauben, die Figur der Hoffnung ist leider verloren.

Grufthaus 5 (Martens – Kosche); vollendet um 1757 Über dem Portal befindet sich das Relief eines geschmückten Sarkophags. Die Skulpturengruppe über dem Gesims ist heute fast völlig zerstört. Sie stellte die Bewachung des Grabes Jesu dar. Nur auf der linken Seite ist noch der Oberkörper eines schlafenden Legionärs zu erkennen. Die verlorene Christusfigur stand erhöht in der Mitte auf dem durch einen Torbogen angedeuteten offenem Grab.

Grufthaus 6 (Tietze); vollendet 1756 Das gesamte Grufthaus ist schon seit mehr als einhundert Jahren in eine Schieflage geraten, denn hier führte früher der abschüssige Fahrweg durch das Friedhofstor zur Zapfengasse vorbei. Das Terrain wurde Ende des 19. Jhs. aufgefüllt. Links und rechts des Portals befindet sich je ein Pilasterpaar. Die Räume zwischen den beiden Kapitellpaaren sind mit je einem von Ranken und Blättern eingerahmten Totenkopfmotiv verziert.

Grufthaus 7 (Martin Baumgart[hen]); vollendet 1727     Neben dem Portal sind schlichte, aber sehr hübsche Blumenornamente zu sehen. In dem von einem Mansardendach bedeckten Giebelfeld befindet sich das Relief eines Baumes, der früher einmal grün angemalt war. Erhalten ist ein mit Spiralmotiven umrahmtes Relief mit der Grabinschrift.

Grufthaus 8 (Köhler von Mohrenfeld – Thomann); vollendet um 1728 Der Augenfang waren die Skulpturen über dem Dachgesims, die an das Jüngste Gericht mahnten. Heute sind noch zwei Engel zu erkennen. Sie zeigen Schriftrollen mit den Aufschriften: SURGITE MORTUI (Steht auf Tote!) und: VENITE AD IVDICIVM (Kommt zum Gericht!). In der Mitte, hoch auf dem Mansardengiebel, stand eine große Christusfigur mit einer Fahne in einer Strahlenglorie. Da sie und das Wappen verloren sind, wirkt die Fassade heute unbeabsichtigt schlicht.

Grufthaus 9 (Baumgarten – von Holtzhausen – von Schweinichen); vollendet 1712-19 Auf dem Dachsims über dem Portalbogen ist ein Relief des Jüngsten Gerichts angebracht, das aus ihren Gräbern auferstehende Tote zeigt. Die zu beiden Seiten des Auferstehungsliefs auf dem Dachsims gruppierten Figuren waren der Blickfang für den Betrachter. Sie sind heute leider stark zerstört. Über der linken Säule sieht man die personifizierte Beständigkeit mit einer Säule, links neben ihr den mit dem Engel kämpfenden Jakob. Über der rechten Säule steht die personifizierte Zeit, rechts neben ihr der einen Fisch unter dem Arm tragende junge Tobias mit dem Erzengel Raphael.

Grufthaus 10 (Kätzler – Lincke); vollendet um 1720 Das Portal wird auf beiden Seiten jeweils von einem Pilasterpaar und Totenkopfmotiven flankiert. Über dem Portal befindet sich ein mit Spiralen und Fruchtständen verziertes Relief mit der Grabinschrift. Im Giebelfeld darüber ist ein weiteres Relief mit der Hausmarke Jeremias Kätzlers zu sehen.

Grufthaus 11 (Mentzel); vollendet 1726 Zu beiden Seiten des Portals befindet sich jeweils ein Epitaph, links das des Bauherren Christian Mentzel (1667-1748), rechts das seiner ersten Ehefrau Anna Ursula (1671-1726). Die Kartusche mit der Hausmarke im Scheitelpunkt des Torbogens ist verloren. Die Gedenkinschrift für George Mentzel (1635-1715), Vater Christians, über dem Portal ist kunstvoll auf ein stilisiertes Tuch – vielleicht einen Schleier – aufgetragen. Füllhörner, Blumen, Blätter und das Arkanthuslaub der Zierrahmung sind fein gearbeitet. Das Chronogramm in der Inschriftenkartusche ergibt das Vollendungsjahr des Baus 1726.

Grufthaus 12; (Sparr – Kühn); vollendet um 1759 Das gesamte Grufthaus ist entlang seiner Mittelachse bis ins Detail der Ornamente symmetrisch angelegt. Der Augenfang der ansonsten schlichten Fassade ist eine mit reichen Rokoko-Elementen verzierte Doppeltafel über dem Portal. Sie findet in einer ebenfalls im Rokokostil verzierten Kartusche im Giebelfeld der Fassade eine Entsprechung. Links und rechts des Giebelfeldes befanden sich zwei heute verlorene Putten mit Memento-mori-Motiven (abgebrochene Säule, Totenkopf, Trauergeste).

Grufthaus 13 (Tralles); vollendet 1724 Das Grufthaus ist auf rein architektonische Wirkung ausgelegt, auf Figurenschmuck wurde völlig verzichtet. Links und rechts des Portals finden sich je eine Pilastergruppierung mit ionisierenden Kapitellen. Der Portalbogen wird von einem muschelartigen Schlussstein bekrönt. Darüber befindet sich ein mit einem Rahmen aus Pflanzenmotiven verziertes Inschriftenrelief. Im Giebelfeld sieht man eine von flachen Reliefs umgebene Kartusche mit der Hausmarke der Tralles. Das Grufthaus wurde 1724 vollendet, was das am Bau vorhandene Chronogramm verrät.

Grufthaus 14 (Ihle – Schneider – Lampert); vollendet um 1770 Das Grufthaus trägt ein schlichtes Aussehen und könnte als Kapelle an jedem Wegesrand stehen. Die Fassade ist vollkommen schmucklos. Einzig die Tafel über dem Portal ist mit Arkanthusranken verziert. Früher trug sie die Inschrift Familie Lampert.

Grufthaus 15 (Gottfried – Smith – Heß); vollendet um 1738-1740 Die korinthisierenden Kapitelle der das Portal flankierenden Säulen und Pilaster sind mit Toten- und Engelsköpfen verziert. Zu beiden Seiten einer kleinen Fensteröffnung über dem Portalbogen sieht man zwei Skelette in Leichengewändern, die der Auferstehung entgegen streben. Sie weisen auf ein großes Relief im Giebelfeld darüber, das den erwachenden Lazarus zeigt. Thematisch gesehen sind die Reliefs der Fassade mit den Plastiken auf dem Gesims unter dem Gedanken der Auferstehung vereint. Eine alles überragende Christusfigur auf dem First der pagodenhaften Bedachung des Giebelfelds bildet den Mittelpunkt der Freiplastiken. Ehemals wurde sie von zwei kleinen Putten flankiert. Links von ihr ist Martha, Schwester des Lazarus, dargestellt. Seine Schwester Maria von Bethanien war früher rechts als kniende Figur zu sehen. Zwei männliche Figuren als Beobachter ergänzen die Auferweckungsszenerie.

Grufthaus 16 (Streit – Tielsch); vollendet 1770-er Jahre Die Frontfassade verzichtet auf jegliche Ornamente. Flankiert wird das Portal von zwei einfachen Pilastern, die über die Kapitelle hinaus bis zum Dachgesims fortgeführt werden. Inmitten des Giebelfeldes ist eine Tafel mit den Initialen des späteren Besitzers Christian Gottwald Tielsch (1787-1861) angebracht.

Grufthaus 17 (Ullmann – Kuntze); um 1760 vollendet Das Grufthaus wirkt beinahe pagodenhaft, wozu neben der klaren Fassade ohne Skulpturenschmuck vor allem die markante Form des Daches beiträgt. Zu beiden Seiten des Portals befinden sich je zwei Pilasterpaare, die über den Kapitellen mit Totenkopfmotiven fortgesetzt werden. Den Portalbogen krönt ein gewundener Schlussstein, der nach oben in ein ausladendes Fächerornament übergeht. Ein weiterer fächerförmiger Schmuckstein, der dem des Portalbogens ähnelt, bekrönt das Giebelfeld.

Grufthaus 18 (Adolph – von Beuchell – von Uechtritz); vollendet 1719 Das Portal wird beidseitig von je einem Pilasterbündel flankiert. Die Kapitelle sind mit den Vanitas-Symbolen Sanduhr und Totenschädel verziert. Auf dem Dachgesims sind fünf freistehende, recht gut erhaltene Figuren zu sehen; in der Mitte der auferstandene Christus, zu seinen Seiten je ein kniender und ein sitzender Legionär. Während drei von ihnen dem himmelwärts blickenden Jesus ergriffen ihre Gesichter zuwenden, stützt der rechts außen stehende, bärtige Kriegsknecht den Kopf auf seinen Ellenbogen, die Erfüllung des Heilsversprechens Jesu verschlafend.04) EU-Logo-u.-Text-J.G.-VSK