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Startschuss für die Restaurierungsarbeiten Endlich ist es soweit! Noch in diesem Frühjahr werden die Arbeiten zur Restaurierung der Grabkapellen der Hirschberger Kaufmannssozietät der Schleierherren rund um die Hirschberger Gnadenkirche beginnen. Nach jahrelangen mühevollen Versuchen vieler für den Erhalt dieses einzigartigen schlesischen Kulturerbes Engagierter auf deutscher und polnischer Seite, die nötigen Gelder zu beschaffen, ist dies nun schließlich gelungen. Ein gemeinsam von der Stadt Jelenia Góra/Hirschberg und dem Verein zur Pflege Schlesischer Kunst und Kultur (VSK) eingereichter Projektantrag im Rahmen des von der Europäischen Gemeinschaft finanzierten „Operationellen Programms der grenzüberschreitenden Zusammenarbeit Sachsen-Polen 2007-2013” wurde positiv beschieden. Die beiden Projektpartner wollen an dieser Stelle für alle in dieser Sache bisher erfolgten Anstrengungen ausdrücklich danken. Sie haben nicht unerheblich zur Bewilligung unseres Projekts beigetragen. Über einem Zeitraum von drei Jahren wird der Gnadenkirchhof mit den Grabkapellen grundlegend instandgesetzt und zukünftig zu einer neuen touristischen Attraktion Hirschbergs gestaltet werden, wobei aber der Würde des Orts ausdrücklich Genugtuung geschehen soll. Neben einer professionellen Restaurierung der Grabkapellen wird sich auch der Gnadenkirchof wieder in einem Raum der Andacht, Ruhe und Erholung zurückverwandeln.

Einschließlich der Vorbereitungen für den Projektantrag steht für das gesamte Projekt ein Betrag von 1.970.315 Euro zur Verfügung. 85 % dieses ansehnlichen Betrags stellt die Europäische Union vor allem deshalb zur Verfügung, um in Deutschland wie in Polen die weitere Ausbildung eines grenzübergreifenden Bewusstseins für die Verantwortung des gemeinsamen Kulturerbes in Schlesien zu fördern. Einen Eigenanteil von 15 % der Finanzierung übernimmt die Stadt Jelenia Góra. Der EU geht es in ihrem „Operationellen Programm” vor allem darum, durch die gemeinsame Planung und Durchführung eines grenzübergreifenden Projekts ein Kontaktnetzwerk und Vertrauensverhältnis zwischen den Partnern aus den beteiligten Ländern aufzubauen. Wichtige Bewertungsgrundlagen für die Genehmigung des Projektantrags waren dabei die positive Beantwortung solcher Fragen wie: „Inwieweit trägt das Projekt zur Verringerung der negativen Auswirkungen bei, die sich durch die Grenze ergeben?” oder: „In welchem Maße trägt das Projekt zur
Vertiefung der bestehenden und zur Schaffung neuer partnerschaftlicher Kontakte zwischen der Bevölkerung, Organisationen, Unternehmen, Einrichtungen und anderen Akteuren des gesellschaftlichen Lebens bei?”. Nun kann der VSK auf Grund seiner langjährigen Erfahrungen in der schlesischen Kulturarbeit gerade in dieser Hinsicht der Stadt Jelenia Góra wertvolle Brückendienste über die deutsch-polnische Grenze hinweg leisten, steht er doch sowohl mit vielen der ehemaligen deutschen Einwohner des Hirschberger Tales, als auch durch seine Präsenz an seinem polnischen Vereinssitz, dem Pałac Łomnica/Schloss Lomnitz, mit vielen der heutigen Bewohnern des Kotlina Jeleniej Góry (Hirschberger Tal) in enger Verbindung. Darüber hinaus unterhält der VSK zahlreiche enge Kontakte zu deutschen und polnischen Einrichtungen und Organisationen, die sich mit ihrer oft ehrenamtlichen Arbeit um die Pflege des schlesischen Kulturerbes verdient gemacht haben. Hier sind stellvertretend für viele andere der Riesengebirgsverein, die Schlesische Bergwacht, der Verein Haus Schlesien in Königswinter, das „Kuratorium für die Patenschaft Hirschberg, Kreis und Stadt“ des Landkreises Hildesheim, das Haus der deutsch-polnischen Zusammenarbeit, die Deutsch-Polnische Stiftung Kulturpflege und Denkmalschutz (DPS) und – last but not least – die vielen Heimatgruppen, -vereine und -verbände zu nennen. Bei einem so ambitionierten Projekt, das ein groß angelegtes Organisations- und Personalmanagement erfordert, ist naturgemäß die Stadt Jelenia Góra, der so genannte „Lead-partner”, der alle Fäden der Planung und Organisation in der Hand hält, während ihr der VSK gewissermaßen als „Juniorpartner“ mit Rat und Tat zu Seite steht und sich besonders darum bemühen wird, alles in deutschen Köpfen, Archiven und Bibliotheken vorhandene Wissen über die Grabkapellen und die Geschichte der Kaufmannssozietät der Schleierherren für das Projekt heranzuziehen und fruchtbar zu machen. Aufgabe des VSKs wird es auch sein, im Laufe der fortschreitenden Arbeiten für das Bekanntwerden des Projekts in den deutschen Medien zu werben und besonders für das Interesse und die Unterstützung der Nachfahren der altehrwürdigen Schleierherren zu sorgen. Die ab 1716 errichteten Grabkapellen der Kaufmannssozietät der Hirschberger Schleierherren sind ein in Schlesien einmaliges historisches wie kunsthistorisches Denkmal , über das bereits der wohl größte schlesische Kunsthistoriker, Dr. Günther Grundmann (geb. 1892 in Hirschberg), an der Breslauer Universität 1916 seine Dissertation schrieb.

Wer das heutige Jelenia Góra besucht, wird zwar schnell entdecken, dass die schmucke Stadt mit 85.000 Einwohnern in Blickweite des Riesengebirges das wirtschaftliche und touristische Zentrum der Region ist, aber nicht unbedingt sofort eine Ahnung davon gewinnen, dass sich von hier aus schon vor über 350 Jahren ein weltweiter Handel mit schlesischen, böhmischen und mährischen Leinen- und Schleierwaren entwickelte, der nicht nur ganz Europa umfasste, sondern sich auch bis in die spanischen und englischen Kolonien in Amerika, Afrika und Asien erstreckte. Urheber dieses erstaunlichen kaufmännischen Leistungsvermögens waren die so genannten „Schleierherren“, Mitglieder eine Hirschberger Kaufmannssozietät, die über alle Grenzen und kriegerischen Auseinandersetzungen ihrer Zeit hinweg von
ihren Anfängen 1658 an für etwa 150 Jahre ein blühendes internationales Kontakt- und Handelsnetz unterhielt und pflegte sowie dem Weltmarkt die schlesischen Leinenerzeugnisse erschloss. Die Schleierherren waren gewissermaßen „Global players“ ihrer Zeit und ihre prunkvollen im Kreis um die Gnadenkirche erbauten Grabkapellen zeugen noch heute von ihrem beachtlichen Selbstbewusstsein, Stolz und Reichtum, der so weit ging, dass sie wie Daniel (von) Buchs (1676-1735) geadelt wurden und Rittergüter in der Umgebung Hirschbergs erwerben konnten, was rechtlich damals eigentlich nur Adligen erlaubt war. Christian Mentzel (1667-1748) lehnte in seinem großen familiären Traditionsbewusstsein und Bürgerstolz gar eine ihm vom Kaiser anerbotene Erhebung in den Adelsstand ab, erhielt aber von Kaiser Karl VI. trotzdem eine Sondergenehmigung zum Erwerb von Rittergütern. Auch der heutige polnische Vereinssitz des VSK, das Schloss Lomnitz, befand sich einst im Besitz Christian Mentzels.Von 1716 bis ca. 1770 setzten sich die Schleierherren mit ihren Grabkapellen auf dem Gnadenkirchhof einmalige Denkmäler, die sie trotz ihres protestantischen Glaubens reich im Barockstil verzierten. Leider haben diese außerordentlichen Kunstdenkmäler in der Nachkriegszeit schwer gelitten, so dass sie nun in dem dreijährigen Projektzeitraum zeit- und arbeitsaufwändig restauriert werden müssen. Sicher sind manches Detail und auch die originalen kunstvollen Schmiedegitter, die einst die Portale der Grüfte verschlossen und sich heute zum Teil in veränderter Form in Warschau befinden, vor Ort nicht wiederherzustellen, doch werden polnische und deutsche Fachleute in gemeinsamer Arbeit dafür sorgen, dass alle erhaltenen Ornamente, Figuren und Details in wissenschaftlich fachgerechter Weise wieder in neuer Schönheit erstrahlen werden. Auch diejenigen Elemente, die in der Bolkoburg über Bolkenhain zwischengelagert waren, werden wieder an ihren ursprünglichen Standort zurückkehren.Ein Aufruf zur MitarbeitEs ist für den VSK eine außerordentliche Ehre und ein großer Erfolg, an diesem Projekt mitwirken zu können, doch sind wir selbstverständlich auf die Unterstützung und Mithilfe aller an der Erhaltung dieses einzigartigen Kulturerbes Interessierten angewiesen und bitten, uns alle mögliche Informationen über die Grabkapellen und die Familien und Nachfahren der Schleierherren, seien sie familiengeschichtlich, kunsthistorisch, historisch, seien es Fotos, Bilder, Stiche, Zeitungsausschnitte, Dokumente oder auch nur persönliche Erinnerungen oder Hinweise in Form von Kopien zukommen zu lassen, um im Zuge der erfolgenden Renovierungen diese außergewöhnlichen Kunstdenkmäler auch wieder mit ihrem geschichtlichem Leben anzufüllen. Zum Abschluss möchte ich noch ein ganz besonderes Angebot und Anliegen des Direktors der Abteilung des Woiwodschaftsamtes Wrocław in Jelenia Góra, Wojciech Kapałczyński, das ausdrücklich die Nachfahren der altehrwürdigen Schleierherren betrifft, zu Gehör bringen. Es ist zwar angedacht, in den restaurierten Grabkapellen ein Lapidarium mit kulturgeschichtlich interessanten Überbleibseln aus anderen alten deutschen Friedhöfen Schlesiens einzurichten, doch würde es Herr Kapałczyński sehr begrüßen, wenn die Nachfahren der Schleierherren sich selbst beim Erhalt und der Wiederherstellung ihrer Familiengrablegen beteiligen würden. So wäre es zum Beispiel denkbar, dass sie über die grundlegenden, von den EU-Mitteln abgedeckten Renovierungsarbeiten, auf eigene Initiative weitere restauratorische Arbeiten – die zum Beispiel zur Ergänzung des Skulpturenschmucks beitragen könnten – oder sogar selbst eine gewisse Form von Patenschaft und Pflege für ihre Familiengrablegen übernehmen würden, wobei es keineswegs zwingend sein muss, dass die jeweilige Kapelle zu gewissermaßen musealen Zwecken auch als Lapidarium genutzt werden wird. Von Seiten des VSK freuen wir uns über alle Zuschriften, Hinweise und Kontakte, und werden sie gemeinsam mit unserem polnischen Partner in unser Projekt

(Gerhard Schiller)

Weitere chronologische geordnete Mitteilungen zu diesem Projekt finden Sie unter hier.

(Kontakt: Dr. Gerhard Schiller: Wiedstr. 21, 56242 Selters/Westerwald, Tel. 02626/6323; E-Mail: gerhardschiller@web.de; Spenden (bei über 100 € bitte mit Anschrift) zur Ermöglichung gesonderter Restaurierungsmaßnahmen an Kapellen können über den VSK steuerlich abgesetzt werden; Kontoverbindung: VSK e.V., Sparkasse Oberlausitz-Niederschlesien Görlitz, BLZ: 85050100, Ktonr.: 15004163, Stichwort „Grabkapellen“).